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Leben im Wohnwagenpark In einer Landschaft aus Morast und Schmutz

Im Wohnwagenpark in der Bonameser Straße leben die Menschen zwischen den Welten: Da ist auf der einen Seite der Dreck. Und andereseits den Alltag. Markus Bulgrin hat die Bewohner besucht.

17.10.2008 00:10
MARKUS BULGRIN

Der Mann mit dem dunklen Schnauzbart steht da mit vorgerecktem Kinn. Er blickt stolz, vielleicht auch verächtlich in die Kamera, die ihn hier festgehalten hat. In hartem Schwarz-weiß. In einer Landschaft aus Morast und Abfällen. Hinter dem Mann steht ein Wohnwagen. Unter dem Bild des 46-Jährigen, der sich selbst als Schrotthändler ausgibt, steht: "Jeder kann hier leben, wie er will. Schon manch einer ist in eine Sozialwohnung gezogen und kam schnell wieder zurück. Wir sind hier frei."

Die Aufnahme ist irgendwann in den 50er Jahren entstanden und wird zwanzig Jahre später Teil eines Fotobands, der Geschichten erzählt. Geschichten, die von der Härte des Überlebens, von Würde, von Schmutz und von Stolz berichten. Rund um die Wohnwagen in der Bonameser Straße. Behutsam klappt Thomas Kober den Fotoband auf seinem Schreibtisch zu. "Es herrscht eine Campingplatz-Atmosphäre", sagt der Mann, der sich seit drei Jahren um die Menschen kümmert.

Als Sozialarbeiter des Diakonischen Werks. "Man muss einen Draht zu diesen Leuten haben", sagt Kober mit ruhiger Stimme. Sich nichts gefallen lassen, selbstbewusst auftreten. Seine Vorgängerin war nicht so. Sie erhielt Drohanrufe, wurde mit Steinen beworfen und beschimpft. Sie kapitulierte schließlich und wechselte den Job. "Eins ist klar", so Kober, "man bleibt immer einer von draußen." Ein Fremder, der nicht einfach so hereinspazieren kann.

Von draußen ist der Trailerpark kaum zu erkennen. Graue, gestapelte Wohncontainer und Autowracks zeichnen sich in der Ferne ab. Und überall Bäume, ein dichter Sichtschutz. Ein alter, verrosteter Zirkuswagen erinnert an eine vergangene Zeit und das Klischee vom romantischen Zigeunerleben. Die Bonameser Straße, die den Norden Eschersheims mit der Siedlung Frankfurter Berg verbindet, bot Jahrzehnte lang eine Nische. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Obdachlose, Ausgebombte und fahrendes Volk, also auch Sinti und Roma, aus dem Stadtgebiet auf das Ödland geschickt wurden.

Heute sind hier noch etwa 80 Personen gemeldet, wahrscheinlich sind es aber weit mehr. "Man blickt da nicht mehr durch, wie viele da genau wohnen", sagt Kober. Und vor allem wer das überhaupt ist. Zigeuner vielleicht. Monate und intensive Gespräche hat es gebraucht, bis einige Bewohner einwilligten, den Autor, "einen von draußen", zu empfangen. Einen Fremden. Aber der Sozialarbeiter muss mitkommen. Denn das Misstrauen ist groß. Tief verwurzelt.

Die Greisin etwa erwidert den freundlichen Gruß nicht. Stattdessen pfeift sie ihren kleinen, schwanzwedelnden Hund mit einem "komm da weg" zurück. Eine andere Frau beäugt den Eindringling hinter einem Zaun. Am Telefon hatte sie vorher gesagt: "Wir sind Zigeuner und stolz drauf!" Doch das sei eher Lebensgefühl als ethnische Wurzeln. Der Ehemann verbot ihr danach mit Fremden zu reden. Das Sozialamt weiß nichts von Sinti und Roma, die hier leben, sondern lediglich von "benachteiligten Menschen der Gesellschaft".

Aber alles hier erinnert an fahrendes Volk. Viele leben noch in Wohnwagen. Viele sind es gewohnt sich "immer frei zu bewegen", wie Sabina es ausdrückt. Die junge Frau kennt dieses Gefühl seit ihrer Kindheit, als sie mit dutzenden anderen Kindern unter Bäumen, zwischen Schrott und alten Wohnwagen gespielt hat. Dreckige Hände, die Knie voller Schorf. Ein eigenes Haus für Mädchen und Jungs gab es. "Hier war Leben drin", sagt auch ein anderer Mann, der den Spitznamen "Isi" trägt. Bis die Kinder "von draußen" irgendwann nicht mehr kamen. Aus Angst, wie "Isi" später erfahren hat. "Die Eltern sagten, dass unser Essen vergiftet ist."

Von den Leuten im Zigeunerlager. Ein Begriff, der den Bewohnern verhasst ist. Erinnert er sie doch an die düstere Vergangenheit, an die Deportationen durch die Nazis, an die Verachtung der Gesellschaft. Ein Trauma, dass sie an ihre Kinder und Kindeskinder weitergegeben haben. Heute steht das Jugendhaus noch, wenn es auch keine Kinder mehr gibt. Ein besserer, leicht verfallener Holzverschlag. "Wir haben das damals selbst angemalt, sah wirklich schön aus", sagt Sabina. Man muss sich anstrengen, um das einst bunte Bild noch zu erkennen, bei dem die Farbe in großen Teilen abgeblättert ist: Die Freiheitsstatue.

Fotos zeigen, wie die kleine Sabina mit breitem Grinsen die Wand besprüht. Die Aufnahmen liegen auf dem Tisch bei ihrer Tante, die auch hier lebt. In einem Haus, keinem Campingwagen. "So wohnt kein Zigeuner, oder?", schallt es durch die großen, weitläufigen Räume. Auch in die Enklave am Rande der Stadt ist irgendwann die Moderne eingezogen, mitsamt Kabelanschluss, Waschmaschine und Zentralheizung. Vor dem Haus steht ein silberner Porsche. "Mein Sohn verdient sein Geld mit Schrotthandel, lukratives Geschäft." Auch er lebt hier, mitten im Wohnwagenpark. Wegen der Freiheit.

Eine Freiheit, die allmählich bedroht ist. "Rechtssicherheit" will Sozialarbeiter Kober deshalb für die Menschen. "Sie werden immer in einen illegalen Bereich gedrückt". Zuletzt weil die Wohnheim GmbH, der Verwalter des Wohngebiets, sich nicht klar zum Status des Geländes äußert: Wohngebiet oder Lager? Ein Gutachten, das die Belastungen des Bodens dokumentiert, wird ebenfalls zurückgehalten. Die Stadt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg dort Schlacke und andere Abfälle abgeladen. Nun kommt die Angst auf, dass die alten Sünden unter der Erde vom Wind buchstäblich aufgewirbelt werden und krank machen. Und das Ganze nur ein Vorwand ist, um den Trailerpark endlich räumen zu können.

Eine ungewisse Zukunft also. Gerade bei der älteren Generation erwacht die Angst, wieder vertrieben zu werden, wieder den Grund und Boden, das eigene Haus, zu verlieren. Doch von den frühen Jahren gibt es nur noch wenig Überbleibsel. Sabinas Großvater etwa. Er ist der älteste Mann und wird deshalb von allen hier respektiert. In seiner selbstgebauten Hütte lebt der über 90-Jährige ohne Strom und fließendes Wasser. Den alten Ofen beheizt er mit Holz. Der Alte ist der Mann auf dem Foto. Der Mann, der einst im Dreck stand und die Freiheit suchte. Er ist der Mann in Kobers Bildband.

Sabina besucht ihn bei ihrem Rundgang. Zum Abschied. Denn seine Enkelin verlässt das Lager wieder. Sabina und auch "Isi" leben in einer Wohnung in Eschersheim, haben dort Familie. Doch die beiden sind fast jeden Tag im Wohnwagendorf zu Besuch. "Am liebsten würde ich zurück ziehen, zurück in die Freiheit", sagt "Isi". Auch Sabina würde gerne bei ihrer Tante wohnen. Aber die Stadt hat ein Zuzugsverbot ausgesprochen, damit das Lager kleiner wird und sich allmählich auflöst. Und damit zwangsläufig auch die Freiheit all derer, die deswegen hierher gekommen sind. In den Schmutz der Bonameser Straße.

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