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Wahlkampf AfD Michels Erwachen

Die Alternative für Deutschland (AfD) übt sich in Frankfurt im Wahlkampf. 100 AfD-Freunde und genauso viele Polizisten lauschen ohne die Störung von Gegendemonstranten den Wahlkampfrednern. Auf den angekündigten Hans-Olaf Henkel warten die Zuhörer vergeblich.

Albrecht Glaser, ehemaliger Frankfurter Stadtkämmerer, erläuterte auf dem Willy-Brandt-Platz seine Vorstellungen von Europa. Foto: Andreas Arnold

Mittags, fünf vor Zwölf in Deutschland. „Der Michel erwacht“, behauptet zumindest die Alternative für Deutschland (AfD) auf Flyern, die auf dem Willy-Brandt-Platz verteilt werden. Zeit wird’s ja auch an einem so schönen Spätsommertag, Herr Michel, vor allem wenn sich so hochkarätige Wahlkampfredner angekündigt haben: Landtagskandidatin Christiane Gleissner, der Ökonom Wilhelm Hankel, Frankfurts ehemaliger Kämmerer Albrecht Glaser und, als Tüpfelchen auf dem i, Hans-Olaf Henkel, „Deutschlands klügster Manager“ (Bild).

Prima Stimmung

Es sind etwas mehr als 100 AfD-Freunde, die hier auf dem Willy-Brandt-Platz trotz klimakatastrophaler Hitze mehr Demokratie wagen wollen. Nachdem Veranstaltungen der AfD in jüngster Zeit immer wieder Ziele politischer Berufsrandalierer waren, hält sich das Verhältnis AfD-ktivisten/Polizei in etwa eins zu eins. Was gar nicht nötig wäre, denn beinahe schon enttäuschend ist nicht ein Gegendemonstrant zu sehen. Die Stimmung ist prima. Ein Mann mit Lederhut verteilt Gratis-Leseproben der „Jungen Freiheit“ an die Polizisten. Zwei AfD-er fotografieren sich gegenseitig mit ihren Protesttransparenten vor dem Euro-Zeichen. „Das können wir mal unseren Kindern zeigen“, sagt der eine, „dass wir es damals wenigstens versucht haben“. Hoffnungsfroh klingt anders.

Es folgen die Redner. Wilhelm Hankel war mal Präsident der Hessischen Landesbank, ist mittlerweile Honorarprofessor und vermutlich ganz froh, mal an der frischen Luft dozieren zu dürfen. Thema seiner Rede ist seine Idee vom „Euro als Verrechnungsgeld“, es ist ein bisserl kompliziert, aber Hankel hat sein Buch mitgebracht, es heißt „Die Euro-Bombe wird entschärft“ und kostet 20 Euro, und auf Wunsch schreibt Hankel wohl auch gerne eine Widmung rein, damit man seinen Kindern später mal beweisen kann, dass man’s wenigstens versucht hat. Dann ist Christiane Gleissner an der Reihe. Sie hält mit leiser Stimme eine erfrischend inhaltsleere Rede, aus der hervorgeht, dass sie heute hauptsächlich wegen ihrer Oma hier sei. In jedem Satz nimmt sie Bezug auf „Die Freiheit“, obwohl da eigentlich eine andere Partei die Namensrechte besitzt, die aber inhaltlich gar nicht so weit von der AfD entfernt ist.

Europäisches Schreckenshaus

Das wird deutlich, als Frankfurts Ex-Kämmerer Albrecht Glaser in die Bütt tritt. Glaser trägt an diesem Tage Hut und erinnert optisch ein wenig an den Plastinationsprofessor Gunther von Hagens. Allerdings vertritt Glaser etwas gruseligere Ansichten. Glaser redet vom „europäischen Haus“, das so gerne zitiert werde. Dies aber sei ein Schreckenshaus, in dem die Mieter von Brüsseler Demokraten in Wohnungen zwangseingewiesen und überwacht würden. Die Menschen, sagt Glaser allen Ernstes, wollten aber nicht in Wohnungen leben, schon gar nicht in Brüsseler, sondern „im eigenen Haus“, am besten „mit Garten und Goldfischteich“. Immerhin haben sich mittlerweile zwei Gegendemonstranten von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend eingefunden, die aber auch nur mit offenem Mund zuhören, wie Glaser aus dem Goldfischtümpel in rhetorische Höhen düst: „Es riecht nach Staatsstreich von oben! Montesquieu rotiert im Grab!“

Mittlerweile riecht es vor der Oper eher nach Heimathumus und Gartenzwergschweiß. Aber da ist der Spuk auch schon vorbei. Deutschlands klügster Manager Hans-Olaf Henkel hat sich verfahren oder steckt irgendwo im Stau (Danke Rot-Grün!), jedenfalls kommt er heute nimmer, und so hat Glaser das letzte Wort. „Berlin, wir kommen!“ schnarrt es über den Platz. Wär’s nicht so heiß, es könnte einen frösteln.

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