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Wahl in Hessen Hessischer WM-Bonus

Immer wenn die hessische Landtagswahl im Jahr einer Fußball-WM stattfand, stellte die SPD danach den Ministerpräsidenten. Die Kolumne aus dem Landtag.

Gut gebrüllt, Pitt. Foto: FR

Man kann nicht behaupten, dass es der Sozialdemokratie hervorragend ginge. Was anfangs wie ein kurzzeitiges Unwetter aussah, erweist sich als stabiles Tief.

Im Bund hat schon lange keine Umfrage mehr die SPD über 20 Prozent gesehen, in Hessen ist sie auf ein historisches Umfragetief von 22 Prozent abgestürzt. Dabei hatten bei der Landtagswahl 2013 noch mehr als 30 Prozent sozialdemokratisch gewählt.

Nun muss sich die SPD in Berlin auch noch mit den flüchtlingspolitischen Zumutungen der Unionsvorsitzenden Angela Merkel und Horst Seehofer herumschlagen. Da verwundert es nicht, wenn ihr parlamentarischer Geschäftsführer im hessischen Landtag, Günter Rudolph, zu dem Schluss kommt: „Seehofer gehört rausgeschmissen.“

So deutlich hat es der Sozialdemokrat in dieser Woche gesagt, als FR-Leserinnen und Leser den Abgeordneten der fünf Fraktionen auf den Zahn fühlten. Aber auch die Parlamentarier der anderen Parteien ließen kein gutes Haar an dem tragikomischen Kabarett von CDU und CSU in Berlin und München. Doch die SPD scheint davon nicht zu profitieren.

Es gäbe also wenig, woraus die SPD Hoffnung für die hessische Landtagswahl schöpfen könnte – wenn nicht die Fußball-Weltmeisterschaft im fernen Russland stattfände. Man sollte Fußballstatistik nicht überbewerten, denn der Ball ist rund. Aber interessant ist es schon: Immer wenn die hessische Landtagswahl im Jahr einer Fußball-WM stattfand, stellte die SPD danach den Ministerpräsidenten. Egal, ob er Georg August Zinn hieß, Albert Osswald oder Holger Börner – wenige Monate nach einer WM war Zeit für einen sozialdemokratischen Regierungschef.

Die Sache ist statistisch hoch signifikant, denn immerhin acht hessische Landtagswahlen wurden in den Jahren einer Fußball-WM abgehalten – übrigens immer im Herbst, nachdem der Weltmeister bereits feststand. Und egal, ob Deutschland den Titel holte wie 1954 und 1974, ins Endspiel einzog (1966 und 1982) oder schon früh ausschied wie 1962 – stets zog danach ein Sozialdemokrat in die Wiesbadener Staatskanzlei ein. Das blamable Abschneiden des Teams von Bundestrainer Joachim Löw tut daher nichts zur Sache.

Die Serie ist ein bisschen aus dem Blick geraten. Denn zuletzt wurde vor 36 Jahren eine WM im Jahr einer Landtagswahl ausgetragen. Im Juli 1982 gewann Italien beim Endspiel in Madrid den Titel gegen Deutschland mit 3:1, im September 1982 blieb der Sozialdemokrat Holger Börner nach der Landtagswahl am Ruder – allerdings mit einer fragilen Minderheitsregierung in „hessischen Verhältnissen“, nachdem die Grünen erstmals in den Landtag eingezogen waren. Daher wurden 1983 vorgezogene Neuwahlen nötig.

Seither wurden hessische Landtagswahlen nicht mehr in Jahren der Fußball-WM ausgetragen, wie es seit 1954 im 4-Jahres-Gleichschritt der Fall gewesen war. Erst die Verlängerung der Legislaturperiode auf fünf Jahre sorgt nun dafür, dass nach dem Fußballsommer der politische Hessenherbst ansteht.

SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel kann bei den entscheidenden Spielen entspannt vor dem Fernseher sitzen. Bei seinen ersten beiden Anläufen 2009 und 2013 konnte es mangels fußballerischer Vorarbeit nichts werden mit dem Wahlsieg. Diesmal aber spricht zumindest eines für ihn: die Statistik.

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