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Verkehr in Hessen Bahn will sich vor Sturmschäden schützen

Die Deutsche Bahn inspiziert an ihren Gleisen in Hessen die Bäume. Damit beim nächsten Sturm die Fahrgäste nicht wieder stranden.

Stadtwald
Die weiß blühende Robinie sollte zu Dampflok-Zeiten vor Funkenschlag schützen. Foto: Peter Jülich

Der Brennende Busch blüht in Rosé an der Regionalstrecke Frankfurt-Mannheim. Gleich mehrere Exemplare der auch Diptam genannten Pflanze sind es, die sich hier, am lichten Waldrand neben der Hinkelsteinschneise breitmachen. „Eine botanische Schatzkammer“, sagt Gerhard Hetzel, Förster im Auftrag der Deutschen Bahn. Ganz anders die weiß blühende Robinie daneben. „Sie ist der Feind des Diptam.“ Die anderen Experten bei der Bahn mögen die Pseudo-Akazie, wie sie sie nennen, auch nicht besonders. „Sie ist nicht standbruchsicher“, sagt Hetzel. Deshalb müssen viele ältere Exemplare im Herbst fallen.

Die Bahn hat ihre Aktivitäten zum Schutz vor Sturmschäden verstärkt. Kein Wunder. Die Tage häufen sich, an denen Bäume auf Oberleitungen und Gleise krachen und Fahrgäste stundenlang im Zug eingesperrt sind. Vegetationsmanager Felix Gerhardt drückt es diplomatischer aus: „Die Störfälle durch Extremwetterereignisse nehmen zu.“ Allein für die Stürme im Herbst 2017 und den ersten Wochen des Jahres 2018 beziffert er die Schäden auf Millionen. Hinzu kommt jede Menge Ärger mit den Kunden.

Zeit, das ramponierte Image aufzupolieren. Dazu dient der Termin am Dienstag im Stadtwald. Der Stopp beim Diptam war der Auftakt. Beim nächsten Halt geht es durch Brombeersträucher an einen anderen Gleisabschnitt, wo Gerhard erläutert, wie sein Arbeitgeber die Stabilität der Bäume fördern will. Der Sechs-Meter-Rückschnitt entlang der Gleise bleibt Standard. Auf neuralgische Punkte, die schwer zu umfahren sind, wird besonders scharf geschaut. Ein solcher „Hot-Spot“ ist beispielsweise Hanau-Rauschwald, wo besonders viel Güterverkehr unterwegs ist.

Mehr als 1000 Mitarbeiter inspizieren bundesweit jeden einzelnen Baum. Das geschieht durch Augenschein oder mittels eines Prüfgeräts, das mit einem dünnen Bohrer die Holzdichte des Stamms überprüft.

„Kleine dicke Bäume sind sturmresistenter“, sagt Gerhardt. Deshalb bekommt die Eiche oder der Feldahorn mehr Platz, um sich auszubreiten. „Durchforstungskonzept“ heißt das bei den Bahnexperten. Und: „Wir erziehen die Bäume.“ Nämlich dazu, dass sie fest verwurzelt im Boden stehen. Die guten werden gefördert, die instabilen müssen weichen.

Diese schiefe, mickrige Robinie zum Beispiel. Mit roter Farbe sprüht Boris Josic einen Strich auf den schmalen Stamm. Ihre Monate sind gezählt. Im Oktober beginnt die Schnittperiode. Ihre Ableger bleiben stehen, bis auch die so groß sind, dass sie den Bahnverkehr gefährden könnten.

Damit die Kollegen mit den Kettensägen die Bäume finden, trägt Baumkontrolleur Josic die Todgeweihten in das Programm seines Tablet-Computers ein. Vermerkt darin auch mögliche Anfahrtswege. Nicht überall kommen die Maschinen durch. Inspektion heißt nicht nur, die Vitalität des jeweiligen Baumes einzuschätzen. Josic hält auch Ausschau nach Höhlen vom Specht oder der Fledermaus.

Das ist auch eine der Aufgaben von Matthias Maier, der auf den ersten Blick einen Traumjob hat. Er ist Mitarbeiter des Pilotprojekts, bei dem Drohnen für die Inspektion des Waldes zum Einsatz kommen. Was nicht bedeutete, dass er ständig mit dem Fluggerät in der Natur unterwegs sei, wie der 33-Jährige klarstellt. „Die meiste Zeit verbringen wir mit der Auswertung der Daten.“ Denn darum geht es bei diesem Test einer schnellen, kostensparenden und flexibleren Alternative zu Überflügen. Das Fluggerät ist mit drei Sensoren ausgestattet: einer normalen Foto-Video-Kamera, einer Wärmebildkamera, die Vogelnester oder ähnliches aufspürt. Und einer Multispektralkamera, die die Gesundheit der Pflanzen messen kann. Ein weiterer digitaler Helfer, der den Menschen jedoch keinesfalls ersetzt, wie Gerhardt ausdrücklich betont. Fachleute wie Maier müssen schließlich die Informationen auswerten, die auch als Livebild auf dem Tablet-Computer zu sehen sind. „Die Drohne ist lediglich ein unterstützendes Verfahren.“

Neue Zeiten, neue Technik. Und neue Vegetation. Als die guten alten Dampfloks noch fuhren, stand die Robinie bei den Bahningenieuren hoch im Kurs. Sie pflanzten sie als Befestigung der Bahnböschung und um den Funkenflug aufzuhalten. Heute sprechen ihre Nachfolger despektierlich von „Pseudo-Akazie“. Und ihr Lieblingsbaum ist die standfeste Eiche.

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