Lade Inhalte...

Schwarz-Grüne Koalition in Hessen Bouffier erträgt sogar Veganes

Das schwarz-grüne Bündnis steht, der Koalitionsvertrag liegt öffentlich vor. Volker Bouffier (CDU) und Tarek Al-Wazir (Grüne) duzen sich. Der CDU-Chef feiert sogar seinen Geburtstag mit den Grünen. Die gute Laune der Union kann in diesen Tagen nichts trüben.

Bester Laune: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU, links) und Tarek Al-Wazir, der hessische Vorsitzende von Bündnis90/Die Grünen stellen ihren Koalitionsvertrag vor. Foto: dpa

Den guten Willen zur Freundlichkeit kann man CDU und Grünen am Mittwoch wahrlich nicht absprechen. Tapfer lächelt Volker Bouffier, als ihm Grünen-Chef Tarek Al-Wazir ein Geschenk zu seinem 62. Geburtstag überreicht: veganen Fleischsalat.

Es ist ein kleiner, bissiger Spaß. Denn noch vor wenigen Wochen hat die CDU im Landtag Wurst verteilt, um gegen grüne Ideen vom Veggie-Day zu protestieren. Nun aber lacht Bouffier gelöst und sagt: „Ich bin mal gespannt, wie der schmeckt.“

So gut gelaunt, wie der Ministerpräsident an diesem Tag bei seinem Besuch in der Grünen-Fraktion auftritt, kann ihm auch veganer Fleischsalat nicht die Laune vermiesen. Zumal sich die CDU auch ein Geschenk mit spöttischer Note ausgedacht hat. Bei Al-Wazirs Visite bei den Christdemokraten gibt es eine schwarz-grüne Krawatte für den Krawatten-Verächter Al-Wazir.

Bouffier hat sich, wie es der scheidende CDU-Fraktionsvorsitzende Christean Wagner formuliert, sein „Geburtstagsgeschenk heute selbst gemacht“ – in Form einer Koalitionsvereinbarung, „in der sich beide Parteien wiederfinden können“. CDU-Fraktion und Landesvorstand singen Bouffier ein „Zum Geburtstag viel Glück“ und sie schenken ihm ein einstimmiges Votum für Schwarz-Grün.

Seinen Geburtstag verbringt er mit Al-Wazir, mit dem er auch schon am Montag lange zusammensaß – statt am Tag der silbernen Hochzeit zu Hause in Gießen bei Ehefrau Ursula zu sein. Es war dieser Tag, an dem Volker Bouffier dem neuen Koalitionspartner Al-Wazir das Du anbot, wie der Grüne später vor der Presse berichtet.

Als das Duzen begann

Der CDU-Politiker duzt den Grünen mehrfach öffentlich, während von Al-Wazir vor den Mikrofonen kein „Du“ zu hören ist. Schwer zu sagen, ob Al-Wazir die neue Nähe anbiedernd findet. „Wenn Sie wochenlang Tage und Nächte zusammensitzen und dann der Ältere dem Jüngeren das Du anbietet, dann sagt der Jüngere natürlich Ja“, formuliert der Grünen-Chef.

Um Familie geht es auch bei Al-Wazir. Der wird von Journalisten auf seine Mutter Gerhild angesprochen. Die Dame hatte bei der Mitgliederversammlung der Grünen in Offenbach gesagt: „Fast alle Bekannten, die ich habe, sagen: Die Grünen wähle ich nicht wieder.“ Al-Wazir war nicht dabei, doch es wundert ihn nicht. „Wenn ich meine Mutter überzeugt habe, dann habe ich alle überzeugt“, sagt der Politiker.

Er sei „ziemlich sicher“, dass seine Mutter die Grünen schon in den Achtzigern gewarnt habe, mit der SPD von „diesem Dachlatten-Holger“ zu paktieren – gemeint ist der einstige Ministerpräsident Holger Börner, der mit der Dachlatte gedroht hatte.

Al-Wazir hofft, dass sich die Skepsis gegenüber Schwarz-Grün so legt, wie sich das einstige Entsetzen über Rot-Grün gegeben hat. Man habe jetzt „fünf Jahre Zeit, durch Ergebnisse zu überzeugen“, formuliert er.

Die Sozialdemokraten rücken an diesem Tag weit in den Hintergrund. Dabei hatten die Grünen auch mit ihnen und den Linken sondiert. Mit Thorsten Schäfer-Gümbel und Willi van Ooyen duzt sich Al-Wazir ohnehin schon länger als mit Volker Bouffier.

Doch aus einem rot-grün-roten Bündnis wurde nichts – und nun stellen Journalisten die Frage, ob da nicht viel mehr im Sinne des Lärmschutzes rausgekommen wäre. Nein, sagt Al-Wazir. CDU und SPD hätten sich in der Flughafen-Frage „in den letzten 30 Jahren nicht unterschieden“. Er kenne jedenfalls „keinen konkreten Vorschlag“ der SPD, wie der Fluglärm besser zu reduzieren wäre als mit den Verabredungen von Schwarz-Grün.

In der Union sieht man die grüne Offenheit zufrieden. „Von Frankfurt kann man immer lernen“, scherzt Stadtkämmerer Uwe Becker, der schon seit Jahren mit den Grünen regiert. „Ein bisschen europäischen Geist“ entdeckt der CDU-Europaabgeordnete Thomas Mann, denn in Europa arbeiten Fachpolitiker über Fraktionsgrenzen hinweg.

Auch Al-Wazir bringt beim Besuch bei der CDU eine Parallele aus der weiten Welt an. Als Politologe habe er oft den Spruch gehört: „Only Nixon could go to China.“ Er bedeutet, dass die Türen nur geöffnet werden, wenn ein Hardliner diesen Schritt geht.

Man könnte den Spruch auf die heutige Situation übertragen, sagt Al-Wazir. „Nur Volker Bouffier konnte Schwarz-Grün machen.“ Bouffiers langjähriger Wegbegleiter, Ex-Finanzminister Karlheinz Weimar, stößt ein „Uiuiui“ aus. Doch die gute Laune bei der Union kann an diesem Tag nichts trüben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen