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Schulen in Hessen „Man darf die Lehrkräfte nicht alleinlassen“

SPD-Politiker Christoph Degen sieht die Landesregierung in der Pflicht, gegen die Überlastung der Lehrer an den Schulen in Hessen zu kämpfen.

Unterricht
Unterrichten ist der eine Teil der Lehrertätigkeit – aber nicht immer und überall der größte. Foto: dpa

Herr Degen, ist das Land nicht der falsche Adressat für die Überlastungsanzeigen von Lehrkräften?
Warum das? Personal an Schulen ist ja zunächst einmal Aufgabe des Landes. Die Landesregierung hat den Schulen immer mehr Aufgaben zugewiesen und muss nun auch dafür sorgen, dass diese erfüllt werden können.

Welche Aufgaben sind das?
Zum Beispiel sollen die Lehrkräfte das digitale Lernen umsetzen. Oder die Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen. 

Lehrkräfte führen zu Recht an, dass Schule immer mehr gesellschaftliche Probleme bewältigen soll, also etwa kulturelle Differenzen mindern, Sprachbarrieren überwinden, gegen Mobbing und Diskriminierung vorgehen oder ganz einfach erziehen, wo es die Familie bisher nicht getan hat. Wären da zur Abhilfe nicht gerade die Kommunen als Schulträger gefordert, indem sie etwa Sozialarbeiter und Schulpsychologen einstellen würden? 
Natürlich sind Schulen mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert als vor 20 Jahren. Kinder und Jugendliche bringen nicht selten schlimme Erfahrungen aus ihren Familien mit in den Unterricht, von traumatisierten Flüchtlingen gar nicht zu reden. Oder nehmen Sie das Internet, es kann doch niemand mehr kontrollieren, was Minderjährige heute sehen. Ich weiß von Fällen, da werden in fünften Klassen Videos herumgereicht, in denen einem Mensch der Kopf abgeschlagen wird. Natürlich darf man die Lehrkräfte damit nicht alleinlassen. Leider sind wir bei Schulpsychologen und echter Schulsozialarbeit nicht so gut aufgestellt.

Lehrergewerkschaften fordern, mehr Pädagogen einzustellen, die Arbeitszeiten zu verkürzen, die Lerngruppen zu verkleinern. Wo soll das Land diese Pädagogen denn hernehmen? Schon jetzt ist der Markt doch leergefegt?
Den Lehrermangel gibt es tatsächlich, vor allem an Grund-, Förder- und Berufsschulen. Dort ist es wirklich schwierig, kurzfristig Lehrkräfte zu finden. Für die weiterführenden Schulen, zu denen ja auch die Frankfurter Gesamtschulen zählen, die jetzt ihre Überlastungsanzeigen abgegeben haben, kann man schon Lehrkräfte finden. Der Lehrermangel selbst ist ein Grund für die Überlastungsanzeigen, auch, weil heute schon viele Lehrkräfte ohne oder mit geringer pädagogischer Ausbildung in den Schulen sind, die sogenannten Seiteneinsteiger. Das bedeutet für die ausgebildeten Pädagogen oft Mehrarbeit, weil man den Seiteneinsteigern beispielsweise nur selten eine Klassenleitung anvertrauen kann. 

Jetzt tut das Land ja durchaus einiges. Die Stellenzuweisung liegt bei 104 Prozent, man hat 700 Sozialpädagogen an die Schulen gebracht, um Lehrkräfte im Unterricht zu entlasten, mit dem Sozialindex werden Schulen in einem schwierigen Umfeld zusätzliche Ressourcen zugewiesen.
Ich sage ja nicht, dass das schlecht ist. Aber was bringt eine halbe Stelle Sozialpädagogik an einer Grundschule, wo Unterstützung bei der Elternarbeit nötig ist, bei der Inklusion, bei der Gestaltung von Ganztagsschule und vieles mehr. Das ist dann doch nur ein Tröpfchen. Und der Sozialindex ist extrem unscharf, weil er etwa die Zahl von Einfamilienhäusern im Umfeld der Schule als Kriterium heranzieht, aber nicht die tatsächliche Zusammensetzung der Schülerschaft. Das aber wäre nötig, wirklich dort zu helfen, wo es nötig ist. Wir sind dafür, dass das Land den Kommunen einen pauschalen Betrag zur Verfügung stellt, mit dem diese dann die Schulsozialarbeit nach dem tatsächlichen Bedarf ausbauen kann.

Wie wäre es, die Schulen durchgängig zu Ganztagsschulen auszubauen, damit die Lehrkräfte nicht sechs oder acht Stunden am Stück schwierigen Unterricht erteilen müssen, sondern auch mal Pause haben, während die Schüler Freizeit- und Betreuungsangebote nutzen?
Es geht dabei weniger um Erholung, sondern darum, mehr Zeit miteinander zu verbringen, gemeinsam Mittag zu essen, um die sozialen Kompetenzen zu verbessern. Davon profitieren am Ende alle, auch die Schüler im Unterricht. Also ja, Ganztagsausbau ist ein wichtiger Punkt. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Hessen

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