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Schulen in Hessen Aufnahme eines hörbehinderten Jungen abgelehnt

Ein hörbehinderter Junge aus dem Rheingau-Taunus-Kreis darf die für ihn beste Schule nicht besuchen, weil sie in Wiesbaden liegt.

Schulen
Um wirklich gut lernen zu können, braucht Leon eine ruhige Umgebung (Symbolbild). Foto: Felix Kästle (dpa)

Leon K. (Name geändert) ist ein guter Schüler. Im Abschlusszeugnis der Grundschule hat er bis auf eine Drei in Kunst nur Einsen und Zweien. Kaum Fehltage. Gute Betragensnoten. Der Wechsel aufs Gymnasium ist für den Zehnjährigen abgemachte Sache. Wenn da nur nicht die Hörbehinderung wäre. 

Denn um wirklich gut lernen zu können, braucht Leon eine ruhige Umgebung und Lehrkräfte, die wissen, wie man mit Kindern umgeht, die ohne technische Hilfe so gut wie keine Geräusche wahrnehmen könnten. Und die jedes Nebengeräusch gedanklich aus der Bahn werfen kann. Eine ruhige Umgebung und qualifizierte Pädagogen – das ist genau das, was die Schule am Mosbacher Berg zu bieten hat. 

Und das ist auch genau der Grund, warum Leons Eltern sich wünschen, dass ihr Sohn nach den Sommerferien dort unterrichtet wird. Doch Leon wohnt im Rheingau-Taunus-Kreis. Die Schule am Mosbacher Berg aber liegt in Wiesbaden. Und wie es scheint, bildet die Grenze zwischen Kreis und Stadt eine unüberwindliche Hürde für Leon.

„Wenn jemand seinen Stuhl rückt oder ein anderes Kind mit Papier knistert, dann hört Leon das genauso laut wie die Stimme seines Lehrers“, erklärt Leons Vater. „Er muss ständig filtern, so, als ob neben Ihnen ein Presslufthammer beim Lernen knattert.“ Leon brauche „120 Prozent seiner Energie für den Unterricht“. 

Und noch etwas ist wichtig. Leon hatte das Glück, dass seine an Taubheit grenzende Hörbehinderung bereits im Alter von sieben Wochen entdeckt wurde. „Von da an“, berichtet sein Vater, „hat er eine wirklich ganz tolle Frühförderung bekommen.“ Mit dem Effekt, dass sich der Junge nahezu normal entwickeln konnte, völlig unauffällig spricht, Geige spielt und Flöte und unheimlich gerne herumtobt und Sport treibt. Unter seinen Locken ist noch nicht einmal das Hörgerät zu sehen.

Doch die Frühförderung hat noch eine Folge: Leon hat gelernt, jede Tätigkeit mit Sprache zu begleiten, um das Sprechen und Verstehen einzuüben. Wenn er mit jemandem reden will, fasst er ihn an, zum Beispiel auch von hinten an der Schulter – weil Hörbehinderte früh lernen, sich beim Kommunizieren anzuschauen.

„Andere Kinder irritiert das, sie halten Leon schnell für verhaltensgestört, obwohl er das nicht ist.“ Dann braucht es Lehrer, die Bescheid wissen und die anderen aufklären können. 

Wenn Leon in einen neuen Raum, etwa eine Turnhalle, kommt, dann läuft er darin herum, klatscht in die Hände, macht Fiepsgeräusche, um diesen Raum akustisch kennenzulernen. „Auch dann“, sagt sein Vater, „glauben Menschen, die sich nicht auskennen, Leon sei gestört.“
An der Schule am Mosbacher Berg wären das keine Probleme. Dort kennt man sich aus. Seit 2012 schon gibt es dort speziell ausgestattete Räume, die schallisoliert und mit Teppichboden ausgelegt sind.

Dort gibt es Pädagogen, die wissen, wie man die sogenannte FM-Anlage bedient, die hörgeschädigten Kindern mit Mikrofon und Lautsprecher das Zuhören erleichtert. Die Schule ist ein gelungenes Beispiel für Inklusion, in jedem Jahrgang gibt es gleich mehrere Jungen und Mädchen mit Hörschäden, die für das Abitur lernen.

Doch Wiesbadens Gymnasien sind voll. „Rappelvoll“, wie Schulamtsleiterin Claudia Keck sagt. „Kein einziges Kind aus dem Rheingau-Taunus-Kreis“, sagt sie, habe man dort aufnehmen können. Also auch nicht Leon. 

Das Staatliche Schulamt, das Keck, selbst ausgebildete Förderschullehrerin, leitet, ist sowohl für Wiesbaden als auch den Kreis zuständig. Bei der Verteilkonferenz hat das Amt Leon ein Gymnasium in Taunusstein zugewiesen. Dort solle nun in den Ferien ein Klassenraum schallisoliert werden. Das habe der Kreis als Schulträger zugesichert, sagt Keck. Zudem werde eine Lehrkraft der Schule am Mosbacher Berg die Pädagogen in Taunusstein beraten, wie mit hörgeschädigten Kindern umzugehen sei.

Für Leons Eltern ist das nicht nachvollziehbar. „Da gibt es schon eine Schule, die alles bietet, was Leon braucht, und dann soll er auf eine andere, wo man keinerlei Erfahrung hat, wo man baulich erst noch alles herrichten muss, wo keine anderen Kinder sind, die genauso wie er ticken?“, fragt sein Vater. Das, urteilt er, sei bürokratischer und pädagogischer Unsinn.

Vor vier Wochen hat die Anwältin der Familie, die Wiesbadener Juristin Sibylle Schwarz, einen Brief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) geschrieben und ihn gebeten, Leon den Besuch des Wiesbadener Gymnasiums zu ermöglichen. Eine Antwort steht noch aus. „Die Eltern“, versichert Ministeriumssprecher Philipp Bender, „werden auf jeden Fall eine Antwort bekommen.“ 
Allerdings, relativiert er, könne das Ministerium auf eine solche Entscheidung des Schulamts nur bedingt Einfluss nehmen. Vor allem wolle man keinen Präzedenzfall schaffen. Dürfe Leon die Kreis-Stadt-Grenze überspringen, „dann bekommen wir Hunderte von Briefen mit dem gleichen Ansinnen“, befürchtet Bender.

Für Leons Eltern sind das keine Argumente. Sie wollen noch ein paar Tage warten. „Und dann“, sagt Leons Vater, „wenn sich nichts tut, werden wir wohl bei Gericht Klage gegen diese unsinnige Entscheidung einreichen.“ 

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