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Schule „Wollten die Unterschiede ja nicht auflösen“

SPD-Obmann Merz über Gemeinsamkeiten der Parteien, Streitfragen und den Nutzen der Enquetekommission.

"Es zieht sich durch den ganzen Bericht, dass wir eine Restrukturierung der Lehreraus- und -weiterbildung brauchen." Foto: Julian Stratenschulte (dpa)

Herr Merz, 213 Seiten lang ist der Abschlussbericht der Enquetekommission zur Zukunft der schulischen Bildung in Hessen. Was steht eigentlich NICHT auf diesen vielen Seiten?
Bildung ist nun mal ein sehr weites Feld, und wir haben quasi nichts ausgelassen.

Und die Ergebnisse?
Es zieht sich durch den ganzen Bericht, dass wir eine Restrukturierung der Lehreraus- und -weiterbildung brauchen. Was muss ein Lehrer können, welche Rolle spielen Fachlichkeit, soziale und pädagogische Kompetenzen? Es kann nicht dem Zufall überlassen bleiben, welche Angebote es gibt und welche angenommen werden. Konsens ist auch, dass wir multiprofessionelle Teams brauchen und klären müssen, wie Lehrkräfte und Sozialpädagogen oder Sozialarbeiter zusammenarbeiten sollen. Ein großer Teil der Handlungsempfehlungen zielt darauf, die Forschung zu intensivieren, sodass wir uns stärker auf wissenschaftlich abgesicherte Ergebnisse stützen können, statt auf Alltagsannahmen, die viel zu oft eine Rolle in der Bildungspolitik spielen.

Wird sich die Praxis aufgrund der Ergebnisse der Kommission schnell und sichtbar verändern
Diese Hoffnung wird man nicht erfüllen können. Wir haben Grundsatzfragen im breiten gesellschaftlichen Kontext betrachtet. Zu glauben, aus einem Bericht könne man sofort und gleich Verbesserungen erzielen, wäre eine Überbeanspruchung.

An vielen Stellen liest sich der Bericht wie Protokolle aus Landtagsdebatten. Neben den gemeinsamen Forderungen stehen die meist noch längeren Stellungnahmen der Parteien. Ein Beispiel: der Ausbau der Ganztagsschulen. Die CDU sagt da, das darf nur freiwillig geschehen und den Erziehungsauftrag der Eltern nicht schwächen. Sie als SPD fordern den umfassenden und flächendeckenden Ausbau, und die Grünen sagen, das müssen die Schulen aber freiwillig tun. Gibt es denn neue Erkenntnisse?
Selbst bei strittigen Fragen gibt es gemeinsame Handlungsempfehlungen. Das ist schon was. So sind alle einig, dass der 45-Minuten-Takt nicht unbedingt die beste Variante ist, die Zeit für guten Unterricht zu nutzen. Alle wollen, dass Alternativen geprüft werden. Das mag geringfügig erscheinen, ein anderer Takt würde aber viel verändern.

Vielfalt und Unterschiedlichkeit spielen eine immer größere Rolle bei der Schülerschaft, der Umgang damit ist ebenso unterschiedlich. Die CDU macht deutlich, dass sie von Gesamtschulen und innerer Differenzierung im Unterricht nichts hält, die SPD will eine höchstmögliche Individualisierung, da sind sie sich mit den Grünen weitgehend einig. Bei der Inklusion sagt die CDU, man braucht Regelschulen und Förderschulen nebeneinander, die SPD will überall inklusive Angebote und möglichst alle Förderschulen abschaffen. Auch da wurden altbekannte Positionen aufgeschrieben.
Die grundsätzliche Perspektive auf Inklusion hat sich in der Tat nicht verändert. Wir sagen, es kann nur eine, die inklusive Schule geben, die CDU will zwei Systeme beibehalten. Das steht gegeneinander, da unterscheiden wir uns auch. Und das wollten wir auch nicht in Luft auflösen. Gemeinsam aber ist es uns gelungen, die richtigen Fragen zu stellen, auch wenn wir natürlich längst nicht auf alle schon Antworten hätten. Bei Inklusion oder gemeinsamem Unterricht konnte man nicht davon ausgehen, dass man da am Ende einer Meinung ist. Das konnte ja auch nicht Zweck der Kommission sein.

Würden Sie es noch einmal so machen oder das Konzept der Enquetekommission ändern?
Das Format hat sich bewährt. Wir haben komplexe Sachverhalten angemessen diskutiert, wie wir es im normalen parlamentarischen Betrieb nicht könnten. Wir haben uns ausführlich von Fachleuten beraten lassen, von Wissenschaftlern und Praktikern. Dafür braucht es einen Rahmen, wie ihn eine Enquetekommission bietet. Die Ergebnisse aus diesem Prozess haben bleibenden Wert.

Interview: Peter Hanack

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