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Schlichtungsstelle Hilfe bei Verdacht auf Kunstfehler

Die Gutachter- und Schlichtungsstelle unterstützt kostenlos – sofern Arzt und Patient zustimmen.

OP im Krankenhaus
Wenn bei einer Operation etwas schiefgeht, ist Hilfe bei der Überprüfung nützlich. Foto: Felix Kästle (dpa)

Seine Leidensgeschichte dauerte vier Jahre. Als 62-Jähriger suchte er erstmals wegen Sodbrennen und anhaltender Oberbauchbeschwerden den Arzt auf. Nach diversen Untersuchungen, Magenspiegelungen und Arztwechseln starb der Patient an einem Tumorleiden, das vorwiegend in die Leber metastasiert hatte. Er wog nur noch 39 Kilogramm.

Die Witwe des Verstorbenen wandte sich an die Gutachter- und Schlichtungsstelle. Die kam zu dem Schluss, dass der Mann wahrscheinlich noch geheilt hätte werden können, wenn gleich am Anfang eine Magenspiegelung erfolgt wäre.

Liegt der Verdacht auf einen Behandlungsfehler vor, kann sich jeder kostenlos an die Gutachter- und Schlichtungsstelle der Landesärztekammer Hessen wenden. Die hat jetzt ihre Bilanz vorgelegt. 905 Anträge bearbeitete die unabhängige Anlaufstelle im abgelaufenen Jahr. Eine mehr als im Jahr zuvor.

Konstant sind auch die Zahlen der bejahten Beschwerden gegenüber dem Vorjahr geblieben. 24,3 Prozent der insgesamt 436 abgeschlossenen Fälle waren es 2017. Davon entfielen 29 auf ambulante Behandlungen und 77 auf die in Kliniken. Die meisten Vorwürfe betrafen mit 164 die Chirurgie, insbesondere die Fachgebiete Orthopädie/Unfallchirurgie und Allgemeinchirurgie, gefolgt von Innerer Medizin (28) und Frauenheilkunde (22).

224 der 436 gutachterlich überprüften Patientenvorwürfe im vergangenen Jahr waren sogenannte Kommissionsentscheidungen. Das heißt, es gab ein zweitinstanzliches Verfahren, in dem das bereits eingeholte Gutachten noch einmal von mindestens zwei weiteren ärztlichen Sachverständigen und einem Juristen überprüft wird. Ein zeitaufwendiges Verfahren. Aber: „Qualität geht vor Quantität“, sagt Kammerpräsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach und betont: „Selbstverständlich ist jeder Behandlungsfehler einer zu viel.“ Auch lasse die Zahl der Anträge keinen Rückschluss auf Qualitätsmängel in Klinik und Praxis zu. „Die Patienten sind kritischer geworden und vermuten häufiger Behandlungsfehler als früher.“ Nach Überprüfung erweise sich nur ein Teil der Vorwürfe als berechtigt. 

Langer Weg für Witwe

Geleitet wird die unabhängige Gutachter- und Schlichtungsstelle von Juristen, ehemaligen Vorsitzenden Richtern des Bundes und der Länder. Das Verfahren ist kostenlos und beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, betont Kammersprecherin Katja Möhrle. „Beide Seiten müssen zustimmen.“ Auftrag sei einzig, zum Klären von Streitigkeiten zwischen Patienten und Ärzten beizutragen, die durch den Vorwurf eines Behandlungsfehlers entstanden sind. Die juristische Aufarbeitung sei ein anderes Kapitel.

Im Fall des an Krebs verstorbenen Mannes diente das Gutachten der Schlichtungsstelle als Grundlage für eine Zivilklage vor dem Landgericht mit einer Schadenersatzforderung von 50 000 Euro. Das kam im Mai 2016 zu dem Urteil, dass hier ein grober Befunderhebungsfehler vorliege und dem Verstorbenen beziehungsweise den Angehörigen ein Schmerzensgeld in Höhe von 40 000 Euro zusteht. Ein langer Weg für die Witwe: Gestorben war ihr Mann im Herbst 2010. 

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