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Psychotherapie in Hessen „Diskriminierung psychisch Kranker“

Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, fordert im FR-Interview mehr Therapieangebote für psychisch Kranke statt eine Abspeisung mit Medikamenten.

Frauenhaus
"Bei leichten Depressionen sind psychotherapeutische Behandlungen haushoch überlegen". Foto: Peter Steffen (dpa)

Vier Monate beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Termin beim Psychotherapeuten. Statt das Angebot auszubauen, will der Bund zusätzliche Hürden einbauen, sagt Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. 

Frau Winter, Sie kritisieren den hohen Einsatz von Psychopharmaka. Jeder sechste Beschäftigte, sagen Sie, bekommt Antidepressiva verschrieben. Woran liegt das?
Zunächst hat das Wissen um psychische Erkrankungen zugenommen. Patienten sind eher in der Lage zu erkennen, woher ihre Beschwerden rühren. Weil sie zeitnah keinen Behandler finden, bekommen sie in ihrer Not Psychopharmaka verschrieben, meist vom Hausarzt. Oft in Unwissenheit, wie Psychotherapie funktioniert. 

Wann helfen Medikamente?
Die Leitlinien empfehlen, schwere Depressionen medikamentös zu behandeln und schon bei mittleren sehr genau abzuwägen, weil sie in vielen Fällen nicht wirken. Bei leichten Depressionen sind psychotherapeutische Behandlungen haushoch überlegen. Bei allen drei Schweregraden ist die langfristige Wirkung viel besser. Mit Absetzen der Psychopharmaka stellen sich die Symptome schnell wieder ein. In der Psychotherapie dagegen lernen Patienten, mit den Problemen und Symptomen anders umzugehen – sich zum Beispiel nicht zurückzuziehen.

Woran leiden die meisten Deutschen, außer an Depressionen?
Vor allem an Angststörungen. Darunter fallen die Panikstörungen, die Soziale Phobie und Generalisierte Angststörung, die sogenannte Sorgenkrankheit: Patienten machen sich permanent Sorgen. Einige haben auch mehrere Störungen gleichzeitig. 

Wie lang sind die Wartezeiten in Hessen?
Vier Monate, wie im Bundesdurchschnitt. Auf dem Land deutlich länger als in großen Städten, weil dort mehr Psychotherapeuten sind. Aber auch dort müssen Patientinnen und Patienten oft lange auf eine Therapie warten. 

Seit April 2017 vermittelt die Terminservicestelle bei der Kassenärztlichen Vereinigung innerhalb von vier Wochen zumindest ein Erstgespräch. Hilft das?
So lässt sich klären, ob eine behandlungsbedürftige Krankheit vorliegt. Viele Patienten wissen das selbst, nehmen in ihrer Not aber dieses Angebot wahr. Der Erstzugang hat sich dadurch deutlich verbessert. Doch eine zeitnahe Behandlung ist anschließend oft leider nicht möglich. 

Nun gibt es den Kabinettentwurf von CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn. Er sieht vor, dass dem Zugang zum Psychotherapeuten ein Lotse vorgeschaltet ist, etwa ein Arzt. Eine gute Idee?
Die Politik nimmt zu Recht wahr, dass eine hohe Zahl psychisch erkrankter Menschen in Deutschland schlecht versorgt ist. Doch der Lösungsvorschlag wurde überhaupt nicht mit den Fachleuten in Berufsverbänden und Kammern abgestimmt. Patienten sollen erst zu einer Lotsenstelle gehen müssen und alles erzählen. Die entscheidet nach der Voruntersuchung, ob psychotherapeutische Hilfe notwendig ist. So will man offenbar erreichen, nur schwerbelastete Patienten mit heftigen Störungen zum Psychotherapeuten zu lassen. Menschen mit weniger schweren Störungen sollen wohl erst mal alleine klarkommen oder digitale Angebote ausprobieren. 

Alleine heißt etwa mit einer App, die Krankenkassen immer mehr anbieten?
Zum Beispiel. Ausprobieren kann sinnvoll sein. Das Problem ist, dazu alle zu verpflichten. Und extrem problematisch ist, dass diese Versorgung mit vorgeschaltetem Lotsen nur für psychisch Erkrankte gedacht ist. Das ist eine Diskriminierung dieser Patientengruppe und eine enorme zusätzliche Hürde. Ein tiefer Eingriff in das Gesundheitssystem, in dem bisher die freie Wahl des Behandlers üblich ist.  

Aber es gibt auch in anderen medizinischen Bereichen die Diskussion über eine bessere Lenkung der Patienten. 
Das Hauptproblem ist das Selektive. Man kann in Deutschland gerne diskutieren, muss es vielleicht auch, ob der freie Zugang zu Ärzten und Psychotherapeuten gut ist. Aber diskriminierend finde ich, dass man eine bestimmte Patientengruppe herausnimmt, statt generell zu diskutieren, wie die Versorgung insgesamt verbessert werden könnte. Die Bedarfsplanung, mit der die Zulassung von Psychotherapeuten geregelt ist, stammt aus dem Jahr 1999. Die aktuelle Zahl der Patienten ist deutlich höher als damals: Psychische Erkrankungen sind auf der Liste der häufigsten Krankheiten inzwischen auf Platz eins oder zwei. Da muss man dringend nachjustieren. 

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