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Pflege in Hessen Die Profis wollen mitbestimmen

Der Landespflegebeirat wünscht sich eine Pflegekammer für Hessen, damit Pflegende sich stärker einbringen können. Eine Umfrage der Landesregierung soll das Interesse daran ausloten.

Pflege in Hessen
Über die Qualitätsstandards wollen die Pflegenden selbst bestimmen - ob in der Klinik, im ambulanten Dienst oder Heim. Foto: dpa

In einem Krankenhaus kennt keiner den Patienten so gut wie der Pfleger oder die Pflegerin. Sie sind am häufigsten in seiner Nähe, sprechen mit ihm, wissen um seinen Appetit, sein Gesamtbefinden. Doch wenn es um medizinische Entscheidungen geht, sitzen sie in der Regel nicht mit am Tisch. Die fällen die Ärzte unter sich. 

Für ein gleichberechtiges Miteinander setzen sich Martin Hußing und Kerstin Jaehrling-Roth vom Landespflegebeirat ein. Aus ihrer jahrzehntelangen Praxis wissen sie, dass mehr Geld alleine den Pflegekräftemangel nicht löst. „Wir haben einen tollen Beruf, aber viele wandern ab, weil sie nicht mitwirken können“, sagt Jaehrling-Roth. „Wir reden immer über Geld, aber nicht über die Inhalte – darüber, was Pflege konkret bedeutet“, ergänzt Hußing. Eine Veränderung versprechen sich die beiden von einer Pflegekammer für Hessen, wie es sie in Nordrhein-Westfalen gibt oder auch in Rheinland-Pfalz. Pflegende könnten ihre Kompetenz dann in Augenhöhe mit anderen Heilberufskammern, etwa der der Ärzte, einbringen. Versorgungsdefizite aufdecken oder auch festlegen, welche Fort- und Weiterbildung landesweit Standard sein müssen. Eine Idee, die in der Vergangenheit schon mehrfach landespolitisch diskutiert wurde und 2014 in den schwarz-grünen Koalitionsvertrag einfloss: „Wir werden die Einführung einer Pflegekammer unter Beteiligung der Betroffenen prüfen“, ist dort zu lesen. 

Kurz vor Ende der Legislaturperiode soll dieses Versprechen noch abgearbeitet werden. In aller Eile, kritisieren die Vertreter des Landespflegerats. Mit einer im Ministerium erarbeiteten Umfrage – ohne Mitwirken der Pflege und ohne jedwede Informationskampagne wie etwa in Rheinland-Pfalz. Ein Umstand, der nach Auffassung von Hußing und Jaehrling-Roth zeigt, dass CDU-Sozialminister Stefan Grüttner eigentlich nicht an einer Pflegekammer interessiert ist: „Vielleicht hat die Politik Angst vor einer weiteren Selbstverwaltung, die nervt.“

Viele Pflegende sind alleinerziehende Mütter

In der Version von Ministeriumssprecher Markus Büttner klingt das anders. Die Befragung aller Pflegekräfte sei lediglich „ein Baustein dieser Prüfung“. Der Auswertung der Ergebnisse würden weitere folgen. Im ersten Schritt will die Landesregierung demnach Kontakt zu den rund 55 000 Pflegefachkräften in Hessen aufnehmen. Dazu schickt sie den Einrichtungsleitungen verschlossene Kuverts, die Anschreiben an die zu befragenden Personen enthalten, einen Informationsflyer und einen individuellen Zugangscode für die Teilnahme an der Online-Befragung. Anfang Juni soll die vierwöchige Befragung beginnen. Bei geringen Rücklauf werde die Frist bis maximal Ende Juli verlängert, sagt Büttner. Es gehe lediglich darum, ein „Meinungsbild unter den potenziell betroffenen Pflegefachkräften“ zu erheben. Deshalb seien Verbände, Interessengruppen oder Gewerkschaften nicht einbezogen. „Nach Auswertung der Befragungsergebnisse besteht Raum zur Bewertung für alle interessierten Kreise.“ Vertreter des Ministeriums nähmen im Übrigen auch gerne an Informationsveranstaltungen über die Befragung teil. „Aktuell gibt es vom Landespflegerat Anfragen für die Teilnahme an fünf Veranstaltungen und von der Gewerkschaft Verdi an zwei Veranstaltungen.“

Da von der Landesregierung keine eigene Kampagne zu erwarten ist, tingeln die Ehrenamtlichen des Landespflegerats jetzt in ihrer Freizeit durch Einrichtungen, um für das Projekt einer Kammer zu werben. Interesse dafür zu wecken sei kein einfaches Unterfangen, räumt Hußing ein. „Pflegende sind in der Gesamtheit schwer zu motivieren.“ Was auch mit dem Pflichtgefühl gegenüber den Patienten zusammenhänge und mit der Doppelbelastung in Schichtdienst und Familie, ergänzt Jaehrling-Roth. „Viele Pflegende sind alleinerziehende Mütter.“ 

Es sei dringend an der Zeit, den Beruf aufzuwerten, Pflegende nicht als die rechte Hand des Arztes zu betrachten, sondern als eigenständige Berufsgruppe. Die selbst die Qualitätsstandards vorgibt. Die den schwarzen Schafen der Branche auf die Finger schaut. Die mitbestimmt bei der Personalausstattung. „Wir haben ein 50-jähriges Professionalisierungsdefizit in Deutschland“, sagt Jaehrling-Roth, die beim Caritasverband Main-Taunus als Abteilungsleiterin tätig ist. Mangelnde Wertschätzung und fehlende Möglichkeiten der Mitentscheidung hätten dazu geführt, dass parallel zur wachsenden Zahl der Ärzte in den Krankenhäusern an Pflegekräften gespart werde.

Der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Uhr jetzt ein Stück weit zurückdrehen. Das sei gut gemeint, sagt Hußing. Doch ohne die Aufwertung des Berufs laufe die Initiative ins Leere. Alleine die löse das grundsätzliche Problem: „Die Pflegekräfte, die er zusätzlich einstellen will, gibt es nicht.“

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