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Öffentlicher Dienst Hessen sucht dringend Personal

Von der Straßenmeisterei über die Schulen und die Polizei bis zum Verfassungsschutz fehlt es an Mitarbeitern. Die Not macht das Land Hessen erfinderisch.

Arbeitsplatz frei
Jede Menge Behördenarbeitsplätze – nicht nur im Büro - hat die hessische Landesverwaltung zu vergeben. Foto: Imago

Der junge Mann trägt blonde Locken, einen Fünf-Tage-Bart und lächelt die Zuschauerin und den Zuschauer freundlich an. „Hey“, sagt er, „Du bist gerade fertig und hast Deinen Abschluss in der Tasche?“ Dann wirbt er bei den Kinozuschauern dafür, was für tolle Arbeitsbedingungen es „bei uns“ gibt - von flexiblen Arbeitszeiten bis zu überdurchschnittlicher Bezahlung.

Die Pointe kommt am Schluss. „Bei uns“, das ist die hessische Finanzverwaltung. „Überraschender, als man denkt“, formuliert es Finanzminister Thomas Schäfer (CDU), der in dem Spot selber mitwirkt – natürlich locker, ohne Krawatte.

Landesverwaltung reaktiviert Lehrer und Polizisten

Die hessische Landesverwaltung geht neue Wege, um Nachwuchs zu finden. Das ist auch nötig. Denn viele Stellen sind immer schwerer zu besetzen. Es gibt zu wenige Fachkräfte, und der öffentliche Dienst ist für viele qualifizierte Bewerber nicht die erste Wahl.

Nicht nur junge Leute werden gesucht, sondern auch erfahrene Kräfte. Lehrerinnen und Lehrer wurden angeschrieben, ob sie nicht länger im Dienst bleiben oder aus der Pensionierung zurückkommen wollen. Auch pensionierte Polizeibeamte sind im Zuge der Aufnahme von Flüchtlingen reaktiviert worden. Das Werben um gute Leute besitze für die schwarz-grüne Landesregierung „einen hohen Stellenwert“, betont Sprecherin Ilka Ennen von der Staatskanzlei in Wiesbaden.

Schulen
Lehrkräfte werden händeringend gesucht, vor allem an den Grundschulen. Gefragt sind auch Förderlehrer – entweder für Förderschulen oder für gemeinsamen Unterricht. An beruflichen Schulen besteht ebenfalls Personalmangel, vor allem in den Berufen der Metall- und Elektrotechnik. An Gymnasien sind Kunst- und Physiklehrer begehrt. Bis 2015 hatte Hessen mit sinkenden Schülerzahlen gerechnet. Die Lehrerzahl sollte trotzdem gleich bleiben.

Dann kamen die Zuwanderer aus Süd- und Osteuropa sowie die Flüchtlinge aus Afrika und Nahost in großer Zahl, und die Lage veränderte sich. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre sind laut Kultusministerium rund 30.000 zusätzliche Schüler in Hessen angekommen. Tendenz: weiter steigend. Hessen reagiert mit zusätzlichen Stellen, allein 1900 in den Jahren 2016 und 2017. Die Frage ist, wie sie besetzt werden können. Dabei lag die Zahl der freien Stellen, die sofort zur Verfügung stehen, schon vor einigen Monaten mit 1260 ungewöhnlich hoch.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) holt deswegen Pensionäre an die Schulen zurück. Gymnasiallehrer ohne Job sollen für den Unterricht an Grund- oder Förderschulen gewonnen werden. Hinzu kommt eine verstärkte Ausbildung: Vom Wintersemester an wollen die hessischen Universitäten 315 zusätzliche Studienplätze für Grund- und Förderschullehrer anbieten. Kurzfristig hilft das nicht: Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Kultusministerium die 200 bis 300 offenen Lehrerstellen an den Grundschulen bis zum Schulstart besetzen kann.

Polizei
Nie haben so viele Polizeianwärter ihre Ausbildung begonnen wie in diesem Jahr. 1155 angehende Polizisten nahmen den dreijährigen Lehrgang auf. Etwa die Hälfte davon wird benötigt, um ausscheidende Beamte zu ersetzen. Ein Teil der übrigen wird gebraucht, um die verkürzte Arbeitszeit aufzufangen; sie wurde jetzt um eine Stunde reduziert. Zudem will Innenminister Peter Beuth (CDU) die Polizei besser aufstellen, etwa im Bereich Staatsschutz, der extremistische Aktivitäten im Auge hat.

Mit einem Youtube-Spot, der auch im Kino lief, wirbt die Polizeiakademie Hessen um Nachwuchs. Unschön für die hessische Polizei und Innenminister Beuth ist allerdings, dass sie bei der Auswahl ihrer Bewerber nicht richtig hinschauten und teilweise Leute mit krimineller Vergangenheit einstellten. Das weckte bei den Oppositionsfraktionen den Verdacht, inzwischen werde fast jeder genommen, um den Personalbedarf zu decken. Beuth weist diesen Vorwurf entschieden zurück.

Verfassungsschutz
Angesichts der Sicherheitslage in Deutschland wird das hessische Landesamt für Verfassungsschutz erheblich ausgebaut. Doch die Besetzung der zusätzlichen Stellen erweist sich als sehr schwierig. Das geht aus der jüngsten Antwort von Innenminister Beuth auf eine SPD-Anfrage hervor. Danach gibt es zurzeit 312 Stellen beim Geheimdienst, von denen nur 264 besetzt sind. Man merke, dass der Arbeitsmarkt gut sei für die Bewerberinnen und Bewerber, schreibt Beuth. Der hessische Verfassungsschutz müsse „mit vielen Sicherheitsbehörden um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konkurrieren“. Schließlich gebe es eine Aufstockung der Planstellen auch bei den Behörden des Bundes und anderer Länder.

Finanzverwaltung
Die Kinowerbung und andere Mittel der Kampagne „Ohne uns läuft nichts ...“ haben der Finanzverwaltung eine „stark gesteigerte Bewerberzahl“ beschert, freut sich Minister Schäfer. Das ist auch nötig. Denn das Land hat in diesem Jahr mit 650 neuen Anwärtern für Finanzämter und Co. so viele eingestellt wie nie zuvor. „Wir haben die Stellen auch ordentlich besetzen können“, sagt Schäfer. Doch neue Bewerberinnen und Bewerber werden benötigt. Die Zahl der Auszubildenden werde 2018 „nicht geringer werden“, kündigt der Minister an.

Verkehrsverwaltung
Straßenwärter räumen im Winter den Schnee weg, halten Brücken instand und füllen Schlaglöcher. Ihr Job ist sicher. Nach Angaben der hessischen Straßenbehörde Hessen Mobil sind lediglich 1,7 Prozent der Straßenwärter in Hessen arbeitslos. Und doch gibt es Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. „Im Durchschnitt haben wir jedes Jahr rund 60 Ausbildungsplätze zu vergeben“, sagt der Präsident der Straßenverwaltungsbehörde, Burkhard Vieth. „Doch gerade für den vielseitigen Beruf des Straßenwärters haben wir seit einiger Zeit Schwierigkeiten, alle Ausbildungsplätze zu besetzen.“

Seine Behörde bemüht sich mit neuen Methoden darum, Personal zu gewinnen. Dazu gehört ein Programm, das junge Geflüchtete für den Job fit machen soll. Der 19-jährige Aimen Bouzar wurde jetzt als Teilnehmer vorgestellt und kann die Tätigkeit empfehlen. „Den Beruf des Straßenwärters finde ich abwechslungsreich“, sagt er. „Inzwischen fühlt es sich an, als würde ich hier schon seit Jahren arbeiten.“

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