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Nazi-Verbrechen „Wegsehen half auf Dauer nicht“

Der frühere Oberstaatsanwalt Johannes Warlo verfolgte nationalsozialistische Verbrecher – jetzt berichtet er darüber

E r erzählt lebendig, hellwach und präzise, trotz seiner inzwischen 90 Jahre. Johannes Warlo ist einer der letzten lebenden Frankfurter Staatsanwälte, die unter der Leitung des 1968 verstorbenen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer Prozesse gegen nationalsozialistische Verbrecher geführt haben. Am Dienstag berichtet der Jurist im Historischen Museum Frankfurt über die Euthanasieverfahren gegen Ärzte, Juristen und andere Täter, die kranke und behinderte Menschen systematisch töteten.

Herr Warlo, Sie haben als junger Staatsanwalt in Frankfurt unter Fritz Bauer in den 1960er Jahren energisch versucht, bis dahin nicht belangte Tötungsärzte und Funktionäre der Euthanasie-Aktion „T4“ strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Wie kamen Sie zu dieser verantwortungsvollen Aufgabe?
Wie die Jungfrau zum Kinde. Ich gehörte zur Staatsanwaltschaft Wiesbaden und war dort Wirtschaftsdezernent. Bauer forderte mich einfach an.

Woher kannte Fritz Bauer Sie?
Eigentlich nur aus den Personalakten. Wie ich später erfuhr, hatte Fritz Bauer damals mehrere glaubhafte Hinweise erhalten, dass Martin Bormann, der Leiter von Adolf Hitlers Parteikanzlei, noch lebte. Bauer wollte dieses Verfahren nach Frankfurt holen, und dafür wollte er einen jungen, politisch unbelasteten Staatsanwalt haben.

Aber Bormann war schon tot. Das heißt, Sie haben Arbeiten gemacht, die letztlich nie gebraucht wurden?
Im Ergebnis ja. Es ging zunächst darum, für alle Fälle das Material für einen Auslieferungs-Haftbefehl Bormanns zusammenzustellen. Später sollte ich die Ermittlungen im sogenannten Euthanasie-Verfahren führen, nachdem zwei ältere Kollegen die Anklageschrift gegen Werner Heyde und drei weitere Beschuldigte fertiggestellt hatten. Es sollte in Limburg Anklage erhoben werden gegen Heyde, der 1959 als einer der Cheforganisatoren der Euthanasie verhaftet worden war.

Wie verliefen die Prozesse?
Es ging darum, das Führungspersonal abzuarbeiten. Nach dem Krieg hatten einige Prozesse in Frankfurt stattgefunden im Zusammenhang mit berüchtigt gewordenen Anstalten in Hadamar, dem Eichberg oder dem Kalmenhof in Idstein.

Aber Bauer und Sie wollten an die Chef-Organisatoren heran?
Ja. Heyde war der erste ärztliche Leiter der ganzen Aktion. Uns ging es darum, dabei herauszufinden: Wie war das Ganze organisiert? Wer war an der Spitze verantwortlich? Wer waren die sogenannten Tötungsärzte, die als Assistenzärzte der Anstaltsleiter halfen, die Menschen umzubringen?

Gegen wie viele Personen haben Sie in diesem Zusammenhang ermittelt?
Gegen viele, aber verurteilt wurden nur wenige. Heyde etwa erhängte sich fünf Tage vor Prozessbeginn mit dem Gürtel an der Heizung seiner Gefängniszelle, Friedrich Tillmann stürzte sich aus einem Hochhaus zu Tode, Gerhard Bohne, der juristische Organisator der Euthanasie-Aktion, setzte sich erst nach Argentinien ab und wurde nach seiner Auslieferung später für verhandlungsunfähig erklärt. Dann gab es Reinhold Vorberg, den Geschäftsführer der sogenannten „Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft“, die die berüchtigten grauen Busse einsetzte, um die Kranken zu transportieren. Diese gesamte Organisation hatte ihren Sitz in Berlin am Potsdamer Platz 1 und später dann in der Tiergartenstraße 4. Daher der Name „Aktion T4“.

Und Vorberg ist verurteilt worden?
Ja, auch andere wie Dietrich Allers, Friedrich Robert Lorent, der die Goldzähne der getöteten Menschen für die Wirtschaftsverwaltung vereinnahmt hatte, und ein gewisser Hans-Joachim Becker, der mit dem Standesamtswesen zu tun hatte und später die Verwaltung in Hartheim bei Linz geleitet hatte. Das sind die Wichtigsten, die verurteilt wurden – allerdings erst in den 70er Jahren. Da hat Fritz Bauer gar nicht mehr gelebt. Was die Sache behindert hat, war die Frage der Verhandlungsfähigkeit in der Hauptverhandlung. Die Angeklagten waren alle schon etwas älter – im Verhältnis zu meinem heutigen Alter allerdings junge Leute – und die wurden regelmäßig von Psychiatern für verhandlungsunfähig erklärt. Auf diese Weise ist Bohne ausgeschieden, ist Hans Hefelmann ausgeschieden, der die KinderEuthanasie ins Leben gerufen und auch geleitet hat, Gustav Adolf Kaufmann, Horst Schumann, Georg Renno und andere. Es ist grotesk. Zum Teil haben die Leute 20 Jahre noch fröhlich weitergelebt wie Bohne und Hefelmann. Einige der Ärzte, die wir ermittelt hatten, sind ihrem Beruf ohne jede Beanstandung seitens der Medizinverwaltung nachgegangen. Die Ärztekammern haben das offenbar geduldet.

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