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Mammolshain Ernährungsexperimente mit Kindern

Trotz der Todesfälle bei Medikamententests forschte der ehemalige NS-Arzt Werner Catel in Mammolshain weiter an jungen Tuberkulose-Patienten.

Kinderheilstätte Mammolshöhe
Blick in einen Behandlungsraum der ehemaligen Kinderheilstätte Mammolshöhe. Foto: Heimatverein Mammolshain

Der Arzt Werner Catel hat immer weiter an kranken Kindern geforscht – bis zum Ende seiner Tätigkeit als Leiter der Tuberkulose-Kinderheilstätte Mammolshöhe im Taunus im Jahr 1954 und später auch an der Universitäts-Kinderklinik Kiel. Das geht aus Recherchen der Pharmakologin Sylvia Wagner hervor.

Danach unternahm Catel in der Heilstätte in Königstein-Mammolshain Ende 1952 Ernährungsexperimente mit tuberkulosekranken Kindern zwischen vier und 16 Jahren. Dabei erhielten die Kinder zeitweise gezielt Nahrung mit einem geringen Vitamin-C-Gehalt, um später den Effekt einer stärkeren Vitamin-Zufuhr messen zu können.

Es ist nicht bekannt, dass Kinder dabei zu Schaden kamen – anders als bei Experimenten Ende der 40er Jahre mit einem nicht zugelassenen Tuberkulose-Medikament, das später unter dem Markennamen Conteben für Erwachsene in den Handel kam. Daran waren nach Recherchen von Medizinhistorikern mindestens vier Kinder auf der Mammolshöhe gestorben.

An Ermordung von behinderten Kindern beteiligt

Catel war an der Ermordung von behinderten Kindern in der Nazizeit beteiligt. Die Hamburger Staatsanwaltschaft erhob 1949 Anklage gegen Catel und weitere Ärzte wegen Totschlags und Beihilfe zum Totschlag. Das Landgericht Hamburg beschloss jedoch die Einstellung des Verfahrens mit der Begründung, die Ärzte hätten nicht im Bewusstsein der Rechtswidrigkeit gehandelt.

Die Krefelder Forscherin Wagner sieht Catels Ernährungsexperimente kritisch. Sie zeigten, dass er „auch nach den Versuchen mit Conteben und der Anklage gegen ihn immer noch weiter an Kindern forschte, sie weiterhin nutzte“. Catel habe also „seine Einstellung nicht geändert“ und offenbar gemeint, „dass er in einem gewissen Rahmen immer noch an Kindern forschen darf“, sagte Wagner der FR.

Sylvia Wagner hatte im Jahr 2016 an die Öffentlichkeit gebracht, dass in den Nachkriegsjahrzehnten in zahlreichen Kinderheimen in Deutschland Medikamente an Kindern getestet worden waren. Über Catels Ernährungsversuche berichtet sie in einem Artikel für „Virus – Zeitschrift für Sozialgeschichte der Medizin“, der im Oktober erscheint.
Vitamin-C-arme Kost

Bei diesem Experiment erhielten 20 Jungen und 19 Mädchen auf der Mammolshöhe drei Wochen lang eine „Vitamin-C-arme Standardkost“, wie Catel und andere Autoren 1954 in Fachzeitschriften schilderten. Anschließend bekamen sie drei Wochen lang die gleiche Kost, nur dass diesmal „täglich durchschnittlich 500 Gramm Äpfel zugegeben“ wurden. „Die Kinder nahmen diese Menge überwiegend auf“, heißt es in dem Bericht.

Dabei verglichen die Forscher die Erfolge einer Apfelsorte mit viel Ascorbinsäure (Ontario) mit einer Sorte, die wenig Ascorbinsäure enthält (Geheimrat Oldenburg). Den Kindern wurde drei Mal Blut abgenommen, ihr Urin täglich gesammelt. Beides wurde untersucht. Catel arbeitete dabei zusammen mit dem Leiter der Bundesanstalt für Qualitätsforschung pflanzlicher Erzeugnisse in Geisenheim, Werner Schuphan. Die Anstalt lieferte die 4066 benötigten Äpfel zu.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Versuche an Kindern

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