Lade Inhalte...

Landtag in Hessen Die Schönheit der Politik

Wenn man in das Rund des hessischen Landtags blickt, kann man den Verdacht weitgehend ausschließen, dass die Damen und Herren Abgeordneten vor allem wegen ihrer äußeren Attribute gewählt wurden.

Gut gebrüllt, Pitt. Foto: FR

Finden Sie Volker Bouffier attraktiv? Oder Thorsten Schäfer-Gümbel? Sind Ihnen die sympathischen Lachfalten aufgefallen beim Abgeordneten X oder das feiste Grinsen des Abgeordneten Y? Gefallen Ihnen die Frisur der Abgeordneten Z oder die Augen Ihrer Kontrahentin?

Wenn man in das Rund des hessischen Landtags blickt, kann man den Verdacht weitgehend ausschließen, dass die Damen und Herren Abgeordneten vor allem wegen ihrer äußeren Attribute gewählt wurden. Das Parlament soll halt ein Spiegelbild der Gesellschaft sein, und zumindest in diesem Punkt gelingt das.

In anderen Punkten weniger. Migranten kommen dort kaum vor. Es hat noch nie ein Mensch mit dunkler Hautfarbe im hessischen Landtag gesessen. Frauen sind deutlich unterrepräsentiert, und Menschen unter 30 Jahren existieren in der Welt des Parlaments so gut wie nicht.

Aber zumindest was die Attraktivität angeht, ist sie dem Durchschnitt der Bevölkerung ziemlich nahe. Ob es dabei bleibt?

Der Start ins hessische Wahljahr begann jedenfalls mit einer Studie, die belegte, was wir uns schon immer dachten: Personen, die als attraktiv wahrgenommen werden, besitzen bessere Chancen, gewählt zu werden. Ein Professor aus Düsseldorf, Ulrich Rosar heißt er, hat das mit Blick auf die Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl herausgefunden. Außer der Bekanntheit gebe es keinen persönlichen Faktor, der stärker sei als Schönheit, lautete sein Resultat.

Es könnte daher naheliegen, den Parteien attraktivere Kandidatinnen und Kandidaten ans Herz zu legen – zum Beispiel, um unschöne Politik zu beschönigen. Der Professor weiß natürlich, dass das nicht als politisch klug gelten würde. So pries er seine Studie als Beitrag, um „Bewusstsein für diese subtilen Einflüsse des Aussehens“ herzustellen. Daran müsse man schließlich denken, „wenn politische Inhalte stärker zählen sollen als sachfremde Faktoren“.

Ob die Parteien ihre Kandidatenvorschläge jetzt noch einmal gründlich überarbeiten? Nur die FDP hat die Landtagsliste schon aufgestellt, alle anderen hätten noch Zeit dafür.

Doch sie wissen, dass man weder im rauen Alltag des parteiinternen Wettbewerbs noch im Parlament mit Schönheit allein bestehen kann. Da braucht man neben ein bisschen Köpfchen vor allem Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen im unumgänglichen Klein-Klein der Politik.

In der nächsten Woche beginnt der Betrieb wieder richtig, da geht es den Abgeordneten nicht anders als den Lehrern und Schülern im Lande. Bei uns Journalisten purzeln die Einladungen im Minutentakt auf den Tisch: Neujahrsempfänge, Pressekonferenzen, Sitzungen. Nicht alles ist spektakulär, auch nicht in einem Wahljahr.

Attraktivität hin oder her – für alle nimmt der unspektakuläre Alltagsbetrieb der Politik seinen Lauf. Der Europaausschuss hat ein Dutzend EU-Richtlinien auf der Tagesordnung, von der Zusammenarbeit der Behörden bei der Mehrwertsteuer bis zur Bekämpfung der Newcastle-Krankheit, einer Art Vogelgrippe. Der Unterausschuss für Heimatvertriebene, Aussiedler, Flüchtlinge und Wiedergutmachung (so heißt er wirklich noch) lässt sich über die Lage der Spätaussiedler und der Flüchtlinge berichten. Der Wirtschaftsausschuss befasst sich mit dem Tourismus am Edersee.

Erst Ende Januar tagt das Plenum des Landtags. Oder, wie es der SPD-Abgeordnete Michael Siebel einmal hübsch formuliert hat: „das hessische Parlament in seiner Gesamtheit und Schönheit“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum