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Hessen Hilfe für Traumatisierte

Hessen baut im Land vier psychosoziale Zentren für Flüchtlinge auf. Dabei fließen die Erfahrungen eines Modellprojekts in Darmstadt ein.

Flüchtlinge in Hessen
Viele Flüchtlinge sind traumatisiert (Symbolfoto). Foto: Lena Klimkeit (dpa)

Traumatisierte Flüchtlinge sollen in Hessen systematisch aufgefangen und mit besonderen Angeboten versorgt werden. Das hat Sozialstaatssekretär Jo Dreiseitel (Grüne) am Dienstag in Wiesbaden angekündigt.

Er teilte mit, dass vier psychosoziale Zentren in Frankfurt, Darmstadt, Gießen und Kassel aufgebaut würden. Sie sollten noch in diesem Jahr mit ihrer Arbeit beginnen. Dafür stehe „ein hoher siebenstelliger Betrag“ zur Verfügung, sagte Dreiseitel.

In den Hilfezentren sollen die Erfahrungen berücksichtigt werden, die Hessen in dem bundesweit einmaligen Pilotprojekt „Step by Step“ gesammelt hat. Im „Michaelisdorf“ in Darmstadt, auf dem Gelände der früheren Starkenburgkaserne, hatte das Land mit der wissenschaftlichen Unterstützung des Sigmund-Freud-Instituts und der Frankfurter Universität Angebote für schwer traumatisierte Menschen erprobt.

Es geht um Menschen wie jene syrische Frau, über die die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber vom Sigmund-Freud-Institut berichtete. Die geflüchtete Frau war im achten Monat schwanger und redete nicht. Sie war geradezu erstarrt. Leuzinger-Bohleber begleitete sie und schwieg mit ihr, bis die Frau zu sprechen begann. Die Syrerin berichtete, dass drei ihrer Kinder bei der Flucht über das Mittelmeer ertrunken seien. Jetzt konnte sie weinen und sich öffnen, auch für das ungeborene Kind.

Inzwischen kam ihr Kind zur Welt – eine normale Geburt, die noch vor einigen Monaten bei der traumatisierten Frau als kaum möglich erschien. Die Psychoanalytikern bezeichnet eine Traumatisierung als „Überflutung mit unerträglichen Gefühlen“. Dadurch breche „das Urvertrauen in ein Gegenüber oder auch in einen selbst“ zusammen.

Entscheidend sei, wie die anderen Menschen in der Unterkunft den Traumatisierten begegneten, sagten Leuzinger-Bohleber und die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen. Daher habe man in Darmstadt sowohl die Ehrenamtlichen geschult und begleitet als auch Hauptamtliche bis hin zu den Security-Leuten.

Hinzu komme eine klare Tagesstruktur für die Bewohner. Dabei sei wichtig, dass die Flüchtlinge ihre Fähigkeiten einbringen könnten. Für viele Betroffene, die aus ihrem früheren Leben herausgerissen seien, bedeute es „eine unglaubliche Kränkung, die Hand aufzuhalten“, sagte Leuzinger-Bohleber. Wer zum Kochen oder Wäschewaschen beitrage, zum Übersetzen oder Musizieren, gewinne sein Selbstwertgefühl zurück.

Spezielle Angebote gab es in Darmstadt für Kinder und Jugendliche. Sie seien zwar besonders verletzlich, besäßen aber zugleich „besonders viel Potenzial, sich auf eine neue Situation einzulassen“, heißt es im Abschlussbericht. In Darmstadt soll diese Arbeit möglichst nach Auslaufen des Modellprojekts nahtlos fortgesetzt werden.

Die neuen psychosozialen Zentren werden hingegen voraussichtlich nicht in Erstaufnahmeeinrichtungen angesiedelt sein. Sie sollten Anlaufstelle auch für solche traumatisierten Flüchtlinge sein, die den Kommunen bereits zugewiesen worden seien, sagte Dreiseitel.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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