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Hadamar Die Opfer der Euthanasie

Eine Ausstellung und eine Veranstaltungsreihe rücken die Morde an behinderten und kranken Menschen zur Nazizeit in den Blickpunkt.

Nationalsozialismus
Der Keller der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar kann besichtigt werden – in Erinnerung an die Opfer. Foto: Privat

Auf Frankfurts Hauptfriedhof liegen über 500 Urnen von Opfern der nationalsozialistischen Morde, darunter mehr als 300 von Menschen, die in der Tötungsanstalt Hadamar umgebracht wurden. Es waren behinderte und psychisch kranke Frauen, Männer und Kinder, die in der Zeit des Nationalsozialismus systematisch getötet worden sind.

Insgesamt fielen rund 300 000 Menschen den Euthanasie-Verbrechen zum Opfer. Am Dienstag wird im Haus am Dom die Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet“ eröffnet. Viele Veranstaltungen ergänzen das Programm in den nächsten Wochen.

Es war der Frankfurter Journalist Ernst Klee, der in den 1980er Jahren mit seinen Recherchen die Ermordung der kranken, behinderten und schwachen Menschen an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Damals begann auch das Psychiatrische Krankenhaus im mittelhessischen Hadamar mit dem systematischen Forschen und Gedenken. Es war in der Nazizeit zur Tötungsanstalt umgebaut worden.

In der Nachkriegszeit vermied es die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die Verstrickung ihres Berufszweigs aufzuarbeiten. Erst ab 2009 ging der damalige DGPPN-Präsident Frank Schneider mit seinen Präsidiumskollegen die Sache an.

Er setzte eine Historische Kommission unter Vorsitz des Gießener Medizinhistorikers Volker Roelcke ein und sprach eine Bitte um Entschuldigung im Namen der Fachgesellschaft aus, die sich an überlebende Opfer und Hinterbliebene richtete. Es habe fast 70 Jahre gedauert, bis sich die DGPPN entschlossen habe, „dieser Sprachlosigkeit ein Ende zu setzen und sich an ihre Tradition einer Aufklärung durch Wissenschaft zu erinnern“, bedauerte Schneider.

Bei der Aufarbeitung durch die Fachgesellschaft entstand die Wanderausstellung, die seit ihrer ersten Station im Deutschen Bundestag 2014 an mehr als 30 Orten in Deutschland und im Ausland gezeigt worden ist. Dort sind Bilder der Opfer zu sehen, etwa von Benjamin Traub und Irmgard Heiss. Traubs Neffe Hartmut Traub schilderte 2017 im Bundestag das Schicksal seines Onkels.

Benjamin Traub habe ein Jahr in der Anstalt Weilmünster zugebracht, „die eher einer Vorhölle denn einer psychiatrischen Klinik glich“. Am 13. März 1941 sei er mit einem der grauen Busse ins nahe Hadamar gebracht und zusammen mit 63 anderen Menschen noch am gleichen Tag mit Gas ermordet worden, berichtete Hartmut Traub.

Die Ausstellung zur Erinnerung an Benjamin Traub und seine Schicksalsgefährten wird jetzt nach Frankfurt geholt von einer kleinen Gruppe ehrenamtlicher Organisatoren, die sich zum „Arbeitskreis Zwangssterilisation und Euthanasie“ zusammengeschlossen haben. Dazu gehören der Kulturwissenschaftler Christoph Schneider, der ehrenamtlich Führungen in Hadamar macht, die ehemalige Geschäftsführerin des Bundes der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten (BEZ), Margret Hamm, sowie Andreas Dickerboom vom Verein Gegen Vergessen – Für Demokratie.

Professor Schneider zeigt sich erfreut über dieses Engagement aus der Zivilgesellschaft. „So soll das sein“, sagte er der FR. Ziel der Wanderausstellung sei es schließlich, das Thema „aus dem Elfenbeinturm heraus“ zu holen und „Nachhaltigkeit in die Informationspolitik zu bringen“.

Neben die Auseinandersetzung mit der Euthanasie in der Nazizeit ist in den vergangenen Wochen verstärkt die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie das menschenverachtende Denken gegenüber behinderten und kranken Menschen sich in der Nachkriegszeit fortgesetzt hat und wie unbehelligt die beteiligten Ärzte in der jungen Bundesrepublik weiterarbeiten konnten. So brachte die Frankfurter Rundschau ans Tageslicht, dass der Euthanasie-Arzt Werner Catel, der bereits an der Tötung kranker Kinder in der Nazizeit mitgewirkt hatte, in der Tuberkulose-Heilstätte Mammolshöhe im Taunus tödliche Experimente an Kindern unternahm. Auch andere Euthanasie-Ärzte machten Karriere, etwa Willi Enke, der in der Nachkriegszeit 13 Jahre lang als leitender Arzt im nordhessischen Hephata-Kinderheim in Schwalmstadt-Treysa tätig war. Dort betrieb er Hirnforschung an Heimkindern.

Die Forschung hat inzwischen gezeigt, dass das medizinische Denken im Rahmen von „Eugenik“ und „Rassenhygiene“ schon weit vor dem Nationalsozialismus vorherrschte und auch danach nicht verschwand. Es sei „nicht von nationalsozialistischen Ideologen erfunden“ worden und „keineswegs der Ärzteschaft aufgezwungen“ worden, berichtet Medizinhistoriker Volker Roelcke. Er spricht am Dienstag zur Eröffnung der Ausstellung in Frankfurt, ebenso wie der ehemalige DPPGN-Vorsitzende Schneider.

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