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Gut gebrüllt Überall nur Sonnenschein

Gute Laune ist für Parteien Pflicht, ob sie in Umfragen abstürzen oder im Dunkeln tagen. Unser Korrespondent Pitt von Bebenburg erläutert, warum.

Gut gebrüllt, Pitt. Foto: FR

Schlechte Stimmung kommt bei Wählerinnen und Wählern nicht so gut an. Gute Stimmung kann dagegen anstecken.

Das ist in der Politik nicht anders als im richtigen Leben. Deswegen erleben wir Politiker oft so betont aufgeräumt, obwohl wir ahnen, dass sie in Wahrheit brodeln wie das Heilwasser im Kochbrunnen vor der Staatskanzlei.

Also, wie steht es um die Stimmung in der hessischen CDU? Super natürlich! Die Christdemokraten haben gerade einen Parteitag in einer abgedunkelten Riesenhalle in Rotenburg hinter sich gebracht, wo der Kontakt mit der Außenwelt allerdings nur schwer herzustellen war, weil es kein WLAN gab.

Wie sagte Parteichef Volker Bouffier so schön? Die CDU wolle dafür sorgen, dass es überall schnelles Internet gebe, damit „auch die ländlichen Räume zukunftsfähig bleiben“. Kein Zweifel, der Parteitag fand in einem „ländlichen Raum“ statt.

Zu Beginn hatte Sitzungspräsident Walter Arnold, gegen den übrigens gerade von der Staatsanwaltschaft wegen seiner Tätigkeit in zwei Aufsichtsräten ermittelt wird, die Veranstaltung zum „Parteitag der guten Laune“ ausgerufen. Damit „uns auch hier keiner das Wasser reichen kann“.  Das war eine Retourkutsche.

Zwei Wochen zuvor hatten die Sozialdemokraten bei ihrem Parteitag in Kassel nämlich erklärt, dass es mit ihnen seit der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten aufwärts gehe. Der Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel hatte die SPD zur „Partei der guten Laune“ gekürt. Das konnte die CDU nicht auf sich sitzen lassen. Deren Spezialität sei ohnehin „Copy & Paste“, also das Kopieren sozialdemokratischer Ideen und Formulierungen, ätzte Schäfer-Gümbel gestern in Wiesbaden.

Und wie ist die Stimmung so in seiner Hessen-SPD? Sensationell natürlich. Gut, der Schulz-Effekt lässt in den Umfragen stark nach, die Wahlen im Saarland und Schleswig-Holstein sind nicht so toll ausgegangen und nun steht die Wahl in Nordrhein-Westfalen auf der Kippe. Aber Schäfer-Gümbel gibt sich „tiefenentspannt“: Viele fänden schließlich, Angela Merkel habe ihre beste Zeit als Kanzlerin hinter sich.

Und Nordrhein-Westfalen? „Es ist klar, dass wir ein bisschen Dynamik verloren haben“, räumt Schäfer-Gümbel ein. Diese Woche war er in Gelsenkirchen. Gelsenkirchen! Wie es da zugeht! Das kann sich ein hessischer Politiker gar nicht vorstellen. „Herausforderungen, um nicht Probleme zu sagen“, formuliert Schäfer-Gümbel. Damit muss nun seine Parteifreundin Hannelore Kraft fertig werden.

Da nervt es, wenn es die anderen zu leicht haben, „diese ganzen Sonnenschein-Ministerpräsidenten in Süddeutschland einschließlich Hessen“. Gemeint sind wohl Bouffier, Seehofer und Kretschmann, wenngleich sie uns alle drei nicht als Inbegriff des Sonnenscheins erscheinen.

Dann müsste die Stimmung ja auch bei den regierenden Grünen sonnig sein. Ist sie das? Naja. In ihrer Landesgeschäftsstelle sprayten Besetzer diese Woche Slogans gegen Abschiebungen.

Die Leute hatten Isomatten und Schlafsäcke dabei, sie waren auf längeres Bleiben eingerichtet. Dann entschlossen sie sich aber nach einem längeren Gespräch mit der Abgeordneten Angela Dorn abzuziehen, nicht ohne „Grüne Partei – Abschiebepartei“ zu skandieren. Das tut weh.

Schließlich waren es früher die Grünen selbst, die gegen die Politik der etablierten Parteien in Flüchtlingsfragen demonstrierten. Nun sind sie Anlaufstelle für Afghanen, die eine Abschiebung befürchten müssen. Und deren Laune ist aus gutem Grund ziemlich schlecht.

Pitt von Bebenburg misst regelmäßig die Stimmung im hessischen Landtag. @PvBebenburg

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