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Gut gebrüllt Geografiekurs

Wer regiert, fährt nach Soisdorf und Schemmern. Mit Geld. Die Kolumne aus dem hessischen Landtag.

Gut gebrüllt, Pitt. Foto: FR

Wo Marseille liegt, wissen Hessinnen und Hessen spätestens seit dem Europa-League-Auftritt der Frankfurter Eintracht in dieser Woche. Aber wer könnte sagen, wo Hettenhausen, Soisdorf und Großentaft auf der Landkarte zu finden sind? Gar nicht so einfach – dabei liegen sie viel näher als Südfrankreich.

Die hessische Landesregierung hilft nach allen Kräften bei den Geografiekenntnissen der Reporter weiter. Kein Flecken des Landes soll unbesucht und unerwähnt bleiben, wenn die Minister und Staatssekretäre ausschwärmen, um Geld zu verteilen. Es hat eine lange Tradition, dass kurz vor Wahlen rein zufällig noch viel mehr zu verteilen ist als sonst. Und es fällt auf, dass weitgehend die CDU-Riege in der Regierung diesen uralten Brauch fortsetzt.

Also reisten wir in Gedanken mit nach Hettenhausen, einem Stadtteil von Gersfeld, wo die Kirmesgesellschaft 1993 einen Scheck von Justiz-Staatssekretär Thomas Metz (CDU) erhielt. Nach Steinwand, wo die Freiwillige Feuerwehr ein Volleyballnetz bekam. Ja genau, jenes Steinwand, das zu Poppenhausen gehört.

Nach Soisdorf, wo die Elterninitiative Spielgeräte in Empfang nehmen konnte. Nach Großentaft, wo der Heimat- und Geschichtsverein Unterstützung gebrauchen kann. Nach Dittlofrod, wo es einen Heimat- und Geschichtsverein gibt. Richtig, die Hessen-Experten unter den Leserinnen und Lesern haben es gleich bemerkt: Soisdorf, Großentaft und Dittlofrod sind allesamt Stadtteile von Eiterfeld.

Kleiner Betrag, große Pressemitteilung

Es ist schön, dass Hessen so vielfältig ist, dass es große Städte und kleine Dörfer gibt. Die gegensätzliche Entwicklung des Ballungsraums und des ländlichen Raums ist zu Recht ein zentrales Thema des Wahlkampfs. Die Regierung aber pflegt den ländlichen Raum auf eigenwillige Weise – nach dem Motto: kleiner Betrag, große Pressemitteilung.

Das Tierheim Cappel in Marburg bekam 1000 Euro aus Lottomitteln für sein Projekt zur Katzenkastrierung aus der Hand von Finanzminister Thomas Schäfer (CDU). Der Tierschutzverein Frankfurt am Main und Umgebung von 1841, dem ein Brand an seinem Sitz in Fechenheim zugesetzt hatte, erhielt nur 500 Euro aus Lottomitteln, überreicht von Wissenschaftsminister Boris Rhein – aber wenigstens eine genauso lange Pressemitteilung.

Wie Recht hatte Rheins Staatssekretär Patrick Burghardt (CDU) mit seinem Satz: „Ein gepflegtes Erscheinungsbild macht immer einen guten Eindruck, gerade im öffentlichen Raum.“ Deswegen hatte er dem Heimatverein Schemmern einen Scheck von genau 2645 Euro mitgebracht.

Ach, und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) kam neulich nach Langsdorf, einem Stadtteil von Lich. Das Geld für einen Treffpunkt von Jung und Alt war schon geflossen, nun überreichte Bouffier den Aktiven vor Ort eine Förderurkunde. Da ist man als Regierender klar im Vorteil. Geografiekurs inklusive. Und wo sich Limassol befindet, werden wir dank des Fußballs erfahren.

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