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Gut gebrüllt: Aus dem hessischen Landtag Ganz schön erfrischend

Der hessische Landtag labt sich auf erstaunliche Weise. Das macht Recherchen im Wirtshaus nötig. Eine Kolumne.

Gut gebrüllt, Pitt. Foto: FR

Es ist so heiß geworden, dass wir im Landtag nur noch an Erfrischungen denken können. Daher glaubten wir zunächst, wir würden halluzinieren, als uns aus einer Pressemitteilung von Finanzminister Thomas Schäfer das schöne altmodische Wort „Erfrischungsraum“ entgegensprang. Das klingt mehr nach der Regierungszeit von Georg August Zinn, die 1969 endete, als nach 2018.

Aber nun ist es ja auch vorbei mit dem „in die Jahre gekommene Erfrischungsraum im Finanzministerium“, wie uns Schäfer wissen ließ. Der habe, wie er in neumodischem Denglisch hinzufügte, „ein bauliches Update“ erhalten. Der Raum wurde modernisiert und „lässt sich dank eingebauten Trennelementen nun auch für unterschiedliche Anlässe flexibel nutzen“. Tolle Sache! Nur die Erfrischung im Namen hat der Raum leider mitten im heißesten Sommer eingebüßt.

Jetzt heißt er schlicht „Cafeteria“. Da gibt es „eine gesunde Ernährung mit regionalen Produkten“ und keinerlei Einweggeschirr mehr. Dann steht einer Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition eigentlich nichts mehr im Wege (außer vielleicht einer Landtagswahl im Oktober).

Man braucht für Erfrischungen allerdings keinen Erfrischungsraum. Sie werden nicht glauben, was Abgeordnete so alles für erfrischend halten.

Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner etwa fände es „erfrischend“, wenn sich die Opposition mal mit der Sache beschäftigen würde. Hat er in einer Landtagsdebatte gesagt – es ging um das wenig erfrischende Thema Lehrerstellen. Sein Fraktionskollege Daniel May urteilte, dass das Landesprogramm zur Forschungsförderung „erstaunliche und erfrischende Forschungsergebnisse“ zustande gebracht habe, „die die Gesellschaft oder die Wirtschaft nach vorne gebracht haben“. Ob wir uns daran wirklich an heißen Tagen erquicken können?

(May griff in einer weiteren Rede am gleichen Tag noch einmal zur verbalen Erfrischung. Da lobte er die Arbeit der Enquetekommission zur Bildungspolitik und die Tatsache, „dass Sachverständige, die von Fraktionen benannt wurden, Dinge geäußert haben, die sonst eher nicht zum Repertoire der jeweiligen Fraktion gehören“. Das Urteil des Grünen: „Das ist, glaube ich, auch sehr erfrischend.“ Mal probieren, ob solche Sachverständigen bei 38 Grad im Schatten helfen.)

Der Sozialdemokrat Günter Rudolph labte sich, auch sehr originell, an der „erfrischenden Unerschrockenheit“, mit der die schwarz-grüne Koalition das Wahlrecht geändert und rechtliche Bedenken ignoriert habe. Wer vermag sich daran zu erfrischen?

Mehr ins flüssige Detail ging der CDU-Abgeordnete Armin Schwarz, als er im Parlament begründete, warum in Hessen weiterhin Energydrinks an Minderjährige abgegeben werden dürfen. Es bestehe ausreichender Schutz durch die Fruchtsaft- und – aufgepasst – Erfrischungs-Getränkeverordnung. Die lege erstens Höchstmengen von Stoffen wie Koffein in Getränken fest. Und zweitens gebe es Warnhinweise, die dank dieser erfrischenden Verordnung „auch auf lose Getränke übertragen“ worden sei. „Im Klartext heißt dies: In Diskotheken oder Wirtshäusern wird auch entsprechend darauf hingewiesen“, behauptete Schwarz. Nun ja, ob das die Lebensrealität in den „Wirtshäusern“ trifft? Das müssen wir wohl gerade mal recherchieren und den Landtag kurz für eine erfrischende Pause verlassen.

Pitt von Bebenburg berichtet bei jeder Temperatur aus dem Landtag. Er twittert: @PvBebenburg

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