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Ex-Kultusministerin Dorothea Henzler "Ich gehe ohne Groll"

Die FDP-Frau Dorothea Henzler hat 2012 den Sessel der hessischen Kultusministerin geräumt und Platz gemacht für Parteikollegin Nicola Beer. Jetzt scheidet sie auch aus dem Landtag aus. Im FR-Interview spricht Henzler über Erfolge und Misserfolge

23.12.2013 10:06
Dorothea Henzler hat zu ihrer Gelassenheit zurückfinden. Foto: Michael Schick

Frau Henzler, als Kultusministerin waren Sie in Ihrem Traumjob angekommen, so hatten Sie es uns bei Ihrem Amtsantritt gesagt. War es traumhaft? Oder doch ein Alptraum?

Es war eine wunderbare Aufgabe, die mir unheimlich große Freude gemacht hat. Ich glaube, ich habe manches bewegt, und hoffe, dass davon viel bleibt.

Was sind Ihre größten Erfolge?

Sicher bei den 2500 zusätzlichen Lehrerstellen, die wir trotz Sparzwang geschaffen haben. Hauptsächlich aber in der Freiheit der Schulen, mehr eigene Entscheidungen fällen zu können. Immerhin nutzen schon 85 Prozent der Schulen das kleine Budget, das ihnen ermöglicht, Geld dort auszugeben, wo sie es für nötig halten. Hinzu kommen viele pädagogische und organisatorische Freiheiten.

Machen Sie sich Sorgen, das könnte zurückgedreht werden?

Schon. Ich hoffe sehr, dass nicht wieder mehr Vorschriften ins Schulgesetz geschrieben werden. Ich setze aber darauf, dass die Schulen heftig protestieren würden, wenn man ihnen die Freiheiten wieder nehmen wollte.

Die Frage nach dem Alptraum Kultusministerin kam ja nicht von ungefähr. Sie waren mit viel Kritik konfrontiert. Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit mussten Sie für Fehler in Mathe-Abituraufgaben geradestehen, die Sie nicht zu verantworten hatten.

Ich war damals gerade sieben Wochen im Amt und die Abiturarbeiten waren lange vorher konzipiert. Es war aber neu, eine liberale Kultusministerin als erste in Deutschland zu haben. Die vielen Erwartungen, die man in mich gesetzt hatte, konnte ich gar nicht so schnell erfüllen. Die Kritik war in der Tat manchmal sehr hart, was auch daran lag, dass viele Personen mit der Entscheidung gehadert haben, das Kultusministerium an die FDP zu geben.

War es ein Fehler der FDP, das Landesschulamt durchzusetzen?

Da war ich sicher nicht die Speerspitze der Bewegung. Im Grunde ist das Landesschulamt eine richtige Einrichtung. Ich hatte sehr bewusst Herbert Hirschler als Staatssekretär geholt, weil ich glaube, dass er der einzige gewesen wäre, der eine solche Umstrukturierung wirklich hätte umsetzen können. Mit ihm wäre das Ganze reibungsloser gegangen.

Es wäre besser gelaufen, wenn nicht Sie und Ihr Staatssekretär mitten im Umwandlungsprozess hätten gehen müssen?

Das war auch für dieses Projekt mit Sicherheit ein großer Knick.

Das Landesschulamt soll aufgelöst werden, die Entwicklung bei G8 wird zurückgedreht. Ist auch das ein Misserfolg Ihrer Politik?

Als G8 im Jahr 2004 von Karin Wolff eingeführt wurde, habe ich davor gewarnt, die kooperativen Gesamtschulen einzubeziehen. Da sind viele Förderstufen kaputtgegangen. Und die Gymnasien hatten noch keine Mensen, waren auf Ganztagsbetrieb nicht eingestellt. Man hat mir auch Fehler angelastet, die einer CDU-Alleinregierung entsprungen sind. Trotzdem halte ich persönlich G8 an Gymnasien für den richtigen Weg, das sieht man auch an den guten Ergebnissen der G8-Schüler im Abitur.

Scheiden Sie mit Groll aus der Landespolitik?

Nein, ich gehe ohne Groll. Ich bin zufrieden, dass ich seit 1995 vieles erreicht habe. Weh tut mir, dass die FDP aus dem Bundestag gefallen ist. Und natürlich gefällt mir auch das schlechte hessische Ergebnis nicht.

Gelassenheit sei eine Ihrer hervorstechenden Eigenschaften, sagten Sie uns in einem Interview. Hat sie immer ausgereicht?

Bis zu meinem Rücktritt kann ich das bejahen, das Jahr danach war für mich nicht leicht, es hat eine Weile gedauert, bis ich zu meiner Gelassenheit zurückgefunden habe. Aber jetzt kann ich das alles mit großem Abstand betrachten.

War es aus parteistrategischer Sicht richtig, eine Verjüngung anzustreben und Nicola Beer zu Ihrer Nachfolgerin zu berufen?

Sie haben das Wahlergebnis gesehen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Stimmt es, was Florian Rentsch sagte, dass die FDP in Hessen eine One-Man-Show von Jörg-Uwe Hahn gewesen ist?

Weder für Erfolge noch für Niederlagen ist eine Person allein verantwortlich. Wir sollten uns alle gemeinsam mehr auf unsere Inhalte konzentrieren und uns nicht mehr nur als Funktions- und Koalitionspartner für Regierungsbildungen betrachten.

Sie haben in Hessen die Wirtschaftspolitik besetzt, die Integrationspolitik, die Bildungspolitik. Genügt das nicht, um sichtbar zu sein?

Wir waren ein zu braver Koalitionspartner. Wir hätten nicht nur hinter verschlossenen Türen streiten, sondern dem Wähler unsere Positionen deutlicher machen sollen, auch wenn es dann einen Kompromiss gab.

Wo wäre das nötig gewesen?

Etwa beim Schulbesuch von Kindern mit Eltern ohne Aufenthaltsstatus. Die mussten früher vom Schulleiter gemeldet werden, wir haben diese Meldepflicht gegen starken Widerstand aus der CDU abgeschafft. Da gab es heftige Diskussionen, ebenso wie beim islamischen Religionsunterricht, den wir schließlich durchgesetzt haben.

Wie sieht Ihre künftige Mitwirkung in der FDP aus?

Für mich ist ein langes, aktives politisches Leben zu Ende. Ich war seit 1985 bis heute in verschiedenen Funktionen tätig. Wenn Menschen aus der Partei mich fragen, werde ich versuchen, gute und ehrliche Ratschläge zu geben.

Was tun Sie am 18. Januar, wenn der neue Landtag erstmals zusammentritt?

Ich werden am Abend vorher die Abschiedsfeier für die ausscheidenden Landtagsabgeordneten genießen und am 18. auf der Tribüne des Plenarsaals sitzen und die Vereidigung der neuen Regierungsmannschaft betrachten.

Mit welchen Gefühlen?

Getreu meinem Lebensmotto: Gehe freudig auf alles Neue zu. Ich kann Tarek Al-Wazir, dem ich im Wahlkampf für die Landtagswahl 1995 zum ersten Mal in einer Podiumsdiskussion am Gymnasium Oberursel begegnet bin, der nach vielen Jahren Fundamentalopposition nun politisch gestalten will, gut verstehen.

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