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Diskriminierung Als Homosexuelle verfolgt

Hessen legt eine Untersuchung über die Unterdrückung Homosexueller von 1945 bis 1985 vor.

Christopher Street-Day
Heute mehr Offenheit: Christopher Street Day in Darmstadt. Foto: Michael Schick

Schwule Männer wurden in den ersten Nachkriegsjahrzehnten vom Strafrecht bedroht und in Tausenden Fällen mit Verfahren überzogen. Lesbische Frauen wurden durch gesellschaftliche Normen und durch das Ehe- und Familienrecht in ihrer Entfaltung behindert. 

Diese Geschichte von „Verfolgung und Repression“ ist im Auftrag der schwarz-grünen Landesregierung aufgearbeitet worden. Am Freitag stellten die Wissenschaftler Kirsten Plötz und Marcus Velke in der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden ihr 310 Seiten starkes Werk zur Aufarbeitung der Schicksale aus der Zeit von 1945 bis 1985 vor. Das Schwule Museum Berlin war mit der Erstellung beauftragt worden. 

Ein Frankfurter, der unter dem Pseudonym Klaus Meyer zitiert wird, schildert in dem Bericht die damalige Lage. „Wenn du schwul warst, warst du ein Aussätziger“, sagt er. „Du hast dich immer versteckt.“ 

In die Geschichte eingegangen sind die berüchtigten Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51. Damals wurde gegen 400 Männer wegen homosexueller Handlungen ermittelt.

Es seien „zahlreiche Lebensläufe beeinträchtigt und berufliche Karrieren zerstört“ worden, heißt es in dem Forschungsbericht. Insgesamt habe es 1953 bis 1985 Ermittlungen wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen in 12 284 Fällen gegeben. 

Dabei sei die Verfolgung in Hessen stärker als im benachbarten Rheinland-Pfalz gewesen, schreiben Plötz und Velke. Dies habe daran gelegen, dass es in Frankfurt eine homosexuelle Szene mit Bars, Kneipen und Vereinen gegeben habe, anders als in Rheinland-Pfalz. 
Lesbe wurde gekündigt

Der „Schwulenparagraf“ 175 galt nur für Männer. Lesbisch liebende Frauen hatten andere Sanktionen zu befürchten. Eine Krankenschwester aus einer hessischen Stadt schrieb 1974, man habe ihr schon „zweimal gekündigt, weil ich Lesbierin bin“. Zudem habe ihre Familie ihr mit knapp 18 Jahren einen Ehemann aufgedrängt. 

Scheidungen seien den Frauen durch das Familienrecht erschwert worden, schilderte Historikerin Plötz. Nach einer schuldhaft geschiedenen Ehe hätten sie weder Unterhaltsleistungen noch ein Sorgerecht für ihre Kinder beanspruchen können. Erst die Reform des Scheidungsrechts 1977 habe die Rahmenbedingungen für lesbische Frauen verbessert.

Antidiskriminierungs-Staatssekretär Kai Klose (Grüne) zeigte sich erfreut, dass nach der Ausstellung „Unverschämt“ zum gleichen Thema nun das Forschungsprojekt zum Abschluss gekommen ist. Er erinnerte daran, dass der Landtag den Auftrag dazu vor sechs Jahren einstimmig beschlossen habe. Zugleich habe sich das Parlament bei den Opfern entschuldigt und ihre Rehabilitierung verlangt. Klose hatte diese Initiativen seinerzeit noch als Landtagsabgeordneter der Grünen angestoßen.

Die verantwortungsvolle Aufarbeitung dieser Vergangenheit sei umso wichtiger, „da politische Kräfte in Deutschland die demokratischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte heute erneut aktiv bekämpfen“, sagte Staatssekretär Klose. Zu diesen Errungenschaften zähle nicht zuletzt „die wachsende Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“. 

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