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Buchvorstellung Geschichte einer Radikalisierung

Für den Roman „Alternativen“ hat Leif Tewes bei der AfD recherchiert.

Alternativen
Leif Tewes: Alternativen. Roman noir. Größenwahn Verlag. Frankfurt 2017. 300 Seiten, 16,90 Euro.

Es ist wie so oft in Romanen: Ein einziges Ereignis erschüttert den Hauptprotagonisten derart, dass sein ganzes Leben eine völlig neue Wendung bekommt. In „Alternativen“ von Leif Tewes ist es ein versuchter Raubüberfall. Die Täter: mutmaßlich Flüchtlinge aus der nahen Massenunterkunft. Das Opfer: Thomas, seines Zeichens Ingenieur aus Friedberg, Anfang 30 und der festen Überzeugung, dass es das Leben nicht gut mit ihm meint, während irgendwelchen Fremden alles hinterhergeschmissen bekommen. Ein Urteil, dass sich nach dem Beinahe-Überfall gleich zu Beginn des Roman verfestigt und ihn schnurstracks in die Arme der sich gerade etablierenden Partei „Die besseren Deutschen“ (DbD) treibt. 

„Alternativen“ ist im Kern eine Geschichte über Radikalisierung. Der Leser erlebt den Aufstieg von Thomas in der Parteihierarchie, ermöglicht durch sein Stillschweigen über den tödlichen Unfall eines Parteimitglieds, den die Partei zum Mordanschlag von Linken umdichtet. Ein paralleler Handlungsstrang schildert den Weg des tunesischstämmigen Wolfsburgers Farim vom Schulabbrecher und Tagedieb zum IS-Kämpfer, der sich als vermeintlicher Flüchtling wieder nach Deutschland einschleust, um hier eine Terrorzelle aufzubauen und einen Anschlag durchzuführen. 

Ein angeblicher Anschlag von Islamisten

Es ist gleichzeitig eine Geschichte über Verlogenheit. Denn weder Thomas noch Farim sind im eigentlichen Sinne „Überzeugungstäter“, sondern werden in Wirklichkeit von viel profaneren Anliegen angetrieben, als sie sich wohl selbst eingestehen wollen. Die beiden Handlungsstränge fließen schließlich zusammen, als es zu einem Anschlag in Frankfurt am Main kommt, den Islamisten begangen haben sollen - angeblich.

Für seinen dritten Roman hat sich Autor Leif Tewes nicht damit begnügt, einfach nur eine Krimi-Story mit etwas Tagespolitik anzureichern, wie es im Genre öfter vorkommt. Zu Recherchezwecken trat er vor gut einem Jahr unter falscher Identität in die AfD ein, das reale Vorbild für die „Besseren Deutschen“. Er habe wissen wollen, was das für Leute sind, die den grassierenden Rechtspopulismus in Deutschland mittragen, sagt Tewes. Wie die Basis abseits von Petry, Höcke und Gauland aussieht, tickt und vor allem redet. Teile seiner Recherchen sind eins zu eins in den Roman eingeflossen.

„Alternativen“ ist dementsprechend ein dialoglastiger Roman - was keinesfalls negativ gemeint ist. Die Geschichte wird durch Dialoge vorangetrieben, meistens als Streit, manchmal sogar als hetzerisches Gebrüll. Beides kennzeichnend für die politische Debatte im Wahljahr 2017. Schon in diesem Sinne ist „Alternativen“ auch ein Zeitdokument. 

Ein erschreckendes, wenn man bedenkt, das viele Dialogzeilen nicht von Tewes erdacht wurden, sondern wiedergeben, was an AfD-Stammtischen in Deutschland wortwörtlich zu hören ist. 

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