Lade Inhalte...

Bildung Laien im Klassenzimmer

Hessen setzt wegen des Lehrermangels gut 4500 Seiteneinsteiger ein. Die Opposition sieht darin eine Entprofessionalsierung.

Unterricht
Unterricht in Hessen: Wie oft er ausfällt, weiß der zuständige Minister nicht so genau. Foto: dpa

In zwei Wochen wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt, und für die meisten Wählerinnen und Wähler lautet das wichtigste Thema Bildung. Als das Institut Forsa vor einigen Monaten im Auftrag von RTL und der FR nachfragte, was genau den Menschen unter den Nägeln brenne, waren die Antworten eindeutig: Lehrermangel, Unterrichtsausfall und der Zustand der Schulgebäude.

Hessen verfügt wie alle anderen Bundesländer über zu wenig voll qualifizierte Lehrkräfte. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) muss nachsteuern durch den Einsatz von „Seiteneinsteigern“ ohne die kompletten pädagogischen Qualifikationen, durch das Reaktivieren von Pensionären sowie den Einsatz von Gymnasial-Lehrkräften in den Grundschulen. Das führt nach den Beobachtungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu zusätzlichen Belastungen für die Schulleitungen und die Kollegien.

Doch auch wenn Eltern, Schüler und Lehrer klagen: Ganz so schlimm wie in anderen Bundesländern geht es in Hessen nicht zu. Berlin verstieß aus lauter Verzweiflung über seinen Lehrermangel gegen die guten Sitten im Umgang zwischen den Bundesländern. Am Frankfurter Hauptbahnhof rief es hiesige Grundschullehrkräfte im vorigen Jahr per Plakat dazu auf, in die Bundeshauptstadt zu wechseln. „Das macht man einfach nicht“, beschwerte sich Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) bei seiner Berliner Kollegin Sandra Scheeres (SPD). Die habe versichert, künftig keine solchen provokativen Plakate mehr aufzuhängen, berichtet er.

Lorz sagt, dass in Hessen sämtliche Stellen an den Schulen besetzt seien. Das habe das Land anderen Bundesländern voraus. Praktiker berichten, dass es schwierig für die Schulen sei, wirklich qualifizierte Bewerber zu finden. Insgesamt gibt es in Hessen 54 100 Lehrerstellen, so viele wie noch nie. Nach Angaben des Ministers waren zum 1. Oktober 2017 genau 4587 Lehrkräfte ohne Lehramt oder Lehrbefähigung mit einer „Unterrichtserlaubnis“ an hessischen Schulen tätig.

„Entprofessionalisierung“

Die Opposition sieht darin eine „bedenkliche Entprofessionalisierung des Lehrerberufes“. Der SPD-Schulpolitiker Christoph Degen kam in einer Landtagsdebatte zu dem Schluss: „Unterrichten darf in Hessen heute jeder.“ Minister Lorz erwiderte: „Bei uns findet anders als in anderen Bundesländern keine massenhafte Einstellung von Quereinsteigern statt.“ Die Statistik lasse ohnehin keinen Rückschluss auf die tatsächliche Eignung dieser Menschen zu. Darunter befänden sich Pfarrer, die Religion lehrten, und Diplomsportlehrer für den Sportunterricht.

Unstrittig ist, dass die Lage auch in Hessen angespannt bleibt. Die Linke im Wiesbadener Landtag legte im August eine Studie über den Lehrkräftebedarf in den kommenden Jahren vor, die vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) in Berlin erarbeitet worden war. Die Forscher Dieter Dohmen und Maren Thomsen kamen zu dem Schluss, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Hessen von 624 000 auf 720 000 im Jahr 2030 ansteigen werde.

Bis dahin würden gut 26 000 zusätzliche Lehrkräfte benötigt: rund 6200 zur Bewältigung der wachsenden Schülerzahl, 15 000 als Ersatz für Lehrkräfte, die in Pension gehen, und etwa 5000 für Kolleginnen und Kollegen, die vorzeitig aufhören.

Normalerweise gibt die hessische CDU grundsätzlich Kontra, wenn die Linkspartei Position bezieht. Diesmal aber war es anders. Lorz stellte fest, sein Ministerium teile die Ergebnisse der Fibs-Prognose.

Eine schnelle Möglichkeit, mehr Lehrkräfte zu gewinnen, sieht auch die oppositionelle SPD nicht – selbst wenn sie mit einer besseren Bezahlung von Grundschullehrkräften wirbt. Schatten-Kultusminister Thomas Schwarze, ein Wiesbadener Schulleiter, setzt darauf, die Lehrkräfte von Verwaltungsaufgaben zu entlasten. Damit hätten sie mehr Zeit für ihre eigentlichen pädagogischen Aufgaben, sagt Schwarze. Das würde den Beruf attraktiver machen und könne auch Teilzeitkräfte dazu bewegen, ihre Arbeitszeit aufzustocken, meint der Sozialdemokrat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen