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Alternative zu Fahrverboten Umrüstung von Diesel-Autos „keine Zauberei“

Eine Frankfurter Autowerkstatt zeigt, wie Diesel-Fahrzeuge umgerüstet werden können. Die angereisten SPD-Politiker sind überzeugt und fordern Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) zum Handeln auf.

Dieselnachrüstung
Jürgen Krivan zeigt, wie die Umrüstung geht. Bundesumweltministerin Schulze und SPD-Landeschef Schäfer-Gümbel schauen zu. Foto: Peter Juelich

Jürgen Krivan benötigt keine fünf Minuten, um den Katalysator aus dem VW Golf auszubauen. Rund vier bis sechs Stunden würde es dauern, wenn der Kfz-Technikermeister zusammen mit einem Kollegen die zusätzlichen Katalysatoren und Tanks einbauen würde, um den Euro-5-Diesel auf Euro-6-Abgasnorm aufzurüsten. Doch dafür ist heute in der Niederräder Autowerkstatt keine Zeit.

Es geht ja nur nebenbei um eine technische Demonstration. Vor allem geht es um politische Forderungen: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) soll den Weg freimachen für die Hardware-Nachrüstung von Schummel-Dieseln. Und die Autoindustrie soll für die Umrüstung bezahlen. Vorgetragen werden diese Forderungen von zwei SPD-Politikern und einem Lobbyisten, die zusammen mit Meister Krivan an der Hebebühne unter dem VW Golf stehen: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), dem hessischen SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel und Jürgen Karpinski, dem Präsidenten des Zentralverbands des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK), zu dessen Unternehmensgruppe das Niederräder Autohaus Schmitt gehört.

Obwohl die Politik im Vordergrund steht, spielt die Technik eine entscheidende Rolle. Nur wenn die Umrüstung technisch möglich ist und den Stickoxidausstoß der Dieselstinker tatsächlich verringert, sind die Forderungen berechtigt. Seit drei Jahren gebe es die technischen Möglichkeiten zur Umrüstung bereits, aber politisch sei nichts geschehen, ärgert sich ZDK-Präsident Karpinski.

Also bohrt er nach, während Krivan noch Hand am Golf anlegt: „Frau Ministerin, jetzt sagen Sie mal, ist das möglich?“ Schulze antwortet angesichts der zügigen Arbeiten neben ihr: „Das scheint mir sehr möglich. Das ist keine technische Zauberei.“

So viele Zuschauer hat Jürgen Krivan noch nie bei einer Autoreparatur gehabt. Zwei Dutzend Reporter, Kameraleute und Radiomenschen drängen sich um den Mann in grauem T-Shirt und Blaumann und um die Politiker.

In seinem Alltag hat der gelassene Techniker diese Umrüstung noch nie erledigt, wie er auf Nachfrage berichtet. Es ist kein Wunder, dass der Andrang sich in Grenzen hält. Für die Halter von Dieselautos mit Euro 5 oder niedrigerem Standard bestehen nämlich zwei Hürden: Sie müssten die Kosten von rund 1500 bis 2500 Euro pro Fahrzeug selbst tragen. Und die Autos erhielten trotzdem keine Zulassung als Euro-6-Fahrzeuge, weil das Kraftfahrtbundesamt die umgerüsteten Fahrzeuge noch nicht anerkennt.

Das muss sich nach Ansicht der Sozialdemokraten ändern, auch um Fahrverbote in den Städten zu verhindern. „Die Luftreinhaltung ist ein ernstes Problem“, stellt Schulze fest. Man müsse „alles dafür tun“, dass in Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt und anderen Städten keine Fahrverbote nötig würden.

„Wir brauchen vom Kraftfahrtbundesamt eine Genehmigung und die entsprechenden Prüfvorschriften“, verlangt die Bundesumweltministerin. „Das erhöht die Sicherheit für alle Dieselbesitzer.“ Der Hesse Schäfer-Gümbel pflichtet ihr bei und ergänzt: „Ich erwarte schlicht und einfach, dass Herr Scheuer die Umrüstung möglich macht.“

Erst auf Nachfrage äußert sich Schulze zu den Kosten. Gebraucht würden rund 4,5 Milliarden Euro. „Das sollte die Automobilindustrie finanzieren“, findet sie. Es gehe um „gut investiertes Geld in die Zukunft des Diesel“. Das sollte es den Autobauern wert sein. Karpinski ergänzt, das Kfz-Gewerbe sei ebenfalls bereit, sich mit einem Beitrag an einem solchen Fonds zu beteiligen.

Auch für die Autohändler steht schließlich viel auf dem Spiel. 350 000 kaum verkäuflicher Euro-5-Diesel stünden deutschlandweit auf ihren Höfen, klagt der Verbandschef. Das bedrohe manche Betriebe in ihrer Existenz.

Ministerin Schulze glaubt nicht daran, dass Deutschland in absehbarer Zeit komplett elektrisch unterwegs ist. Es werde weiter Autos mit Verbrennungsmotoren geben. Vor diesem Hintergrund halte sie den Diesel für gut, wenn die Stickoxide technisch zurückgedrängt würden. Man dürfe nicht vergessen, dass Dieselfahrzeuge weniger Sprit verbrauchten und weniger Kohlendioxid ausstießen als Benziner, gibt die Ministerin zu bedenken.

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