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Landespolitik Weinlese mit Roland Koch

Vor zehn Jahren übernahm Pitt von Bebenburg das FR-Büro im Hessischen Landtag – er schildert, wie wichtig eine kontinuierliche Berichterstattung aus der Landespolitik ist.

FR-Korrespondent Pitt von Bebenburg mit Politikern bei der Landtagself 2014 in Hochheim (hinten, 4. von links) ... Foto: Hessischer Landtag

Die Welt von 2005 erscheint in manchem so fern wie die letzte Meisterschaft von Eintracht Frankfurt. Vor zehn Jahren, als ich die Hessen-Berichterstattung für die Frankfurter Rundschau übernahm, durfte man in hessischen Kneipen und großen Teilen des Landtags noch rauchen, das FR-Büro in Wiesbaden war noch nicht per Computer ans Redaktionssystem angeschlossen und der Ministerpräsident hieß Roland Koch.

Anders als sein Nachfolger Volker Bouffier beherrschte Koch das ernsthafte Gespräch, aber nicht das lockere Geplauder – schon gar nicht, wenn Journalisten dabei waren. Zum Schutz vor ihnen führte er immer seinen Pressesprecher Dirk Metz mit sich.

Als ich für die FR nach Wiesbaden ging, ergab sich allerdings die Möglichkeit, den starken Mann des Landes einigermaßen locker zu erleben: bei der Weinlese auf dem Weingut Jung im Rheingau-Ort Erbach. Da griffen Politiker, Journalisten und ihre Familien sowie natürlich Dirk Metz traditionell zu Schere, Eimer und Bütte.

Franz Josef Jung, ehemals Kochs Staatskanzlei-Chef und später Vorsitzender der CDU-Fraktion im Landtag, lädt stets im Oktober auf das Weingut ein, das erst sein Vater führte, dann sein Bruder und heute sein Neffe. Der Riesling schmeckt ausgezeichnet. Mit Koch konnte man gut über Wein reden, aber auch nicht locker: Er hatte alle Zahlen und Fakten über den hessischen Weinbau parat und vor allem über die hessischen Staatsweingüter, deren Aufsichtsrat er nebenher führte.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Roland Koch hat sich längst aus der Politik zurückgezogen, Franz Josef Jung ist mit wechselndem Erfolg nach Berlin gegangen – und die Weinlese mit Journalisten ist in diesem Jahr erstmals ausgefallen, mangels Anmeldungen. Das wäre 2005 ausgeschlossen gewesen, als Jung gerade den Sprung in die Bundesregierung geschafft hatte und dort Verteidigungsminister wurde.

Es war eine Zeitenwende. Kochs langjähriger grüner Widersacher in Hessen, ein gewisser Joschka Fischer, hatte mit letzter Kraft und zermürbter Stimme seinen letzten Wahlkampf hinter sich gebracht. Heute preist Fischer den Erfolg der ersten schwarz-grünen Koalition, die damals kein Mensch erahnen konnte. In der SPD war Andrea Ypsilanti noch nicht zur Spitzenkandidatin ausgerufen worden, geschweige denn gescheitert, und die Linkspartei war 2005 noch nicht einmal gegründet.

An meiner Bürotür hängen die schönsten Fundstücke aus zehn Jahren im Landtagsbüro der FR. Zum Beispiel eine Titelseite der „Hessischen Polizeirundschau“, die von unfreiwilliger Komik zeugt. „Was ist unter Innenminister Volker Bouffier passiert?“ steht darauf – und man sieht Kochs Innenminister und Nachfolger, den heutigen Ministerpräsidenten, mit einer Tüte Eis, gemeinsam mit drei Streifenpolizisten, die ebenfalls Eis schlecken.

„Weiter ist also nichts passiert?“, fragt sich der Leser unwillkürlich. Tatsächlich ist natürlich viel mehr passiert, wie wir heute wissen – zum Beispiel Bouffiers Entscheidungen bei den Ermittlungen zu dem NSU-Mord von Kassel 2006, die der Polizei ganz und gar nicht passten. Davon ahnten wir lange nichts.

Das schräge Foto nimmt einen Ehrenplatz ein neben genauso denkwürdigen Abbildungen von Bouffiers früherem Stellvertreter Jörg-Uwe Hahn. Ausgerechnet der FDP-Politiker, ein energischer Vertreter der Marktwirtschaft, ließ sich stolz fotografieren vor den Büsten der Kommunisten Mao Zedong in China und Ho Chi-Minh in Vietnam. Und ließ diese Aufnahmen als Pressefotos verschicken, als Beweis für seine bedeutsamen Reisen.

Bouffier, Hahn, die Fraktionschefs und die anderen hessischen Landespolitiker gehören zu meinem journalistischen Alltag. Als Landeskorrespondenten der Frankfurter Rundschau beobachten meine Kollegin Jutta Rippegather und ich die hessische Politik ganz aus der Nähe. Anders als im Bundestag, aus dem ich früher berichtet habe, laufen uns Journalisten die Abgeordneten, Minister, Pressesprecher und Interessenvertreter hier oft zufällig über den Weg. Man trifft sie nicht nur bei der Weinlese, sondern alltäglich auf den Fluren oder im Landtagsrestaurant, wo oft die Fraktionschefs Michael Boddenberg (CDU) oder Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) speisen.

Oder auf dem Sportplatz. In der Landtagself, der Fußballmannschaft des Parlaments, kicke ich seit 2006 in der Abwehr. Hinter mir hütet der Europa-Staatssekretär Mark Weinmeister (CDU) das Tor, neben mir verteidigt der SPD-Finanzpolitiker Norbert Schmitt, ganz vorne lauern Innenminister Peter Beuth (CDU) und die Abgeordneten Marius Weiß (SPD) und Marcus Bocklet (Grüne) auf Torchancen. Wissenschafts-Staatssekretär Ingmar Jung (CDU) zieht im Mittelfeld die Fäden. Sein Onkel Franz Josef Jung übrigens, früher ein Torgarant der Landtagsmannschaft, ist zuletzt nicht für, sondern gegen die Parlamentself angetreten – für ein Team namens „Weinelf“.

Mitten drin sein, lautet das Prinzip – um den Leserinnen und Lesern der FR eine Berichterstattung zu bieten, die nahe dran ist an den handelnden Personen und ihren politischen Vorhaben. Die Nähe besitzt, zumindest für einen Journalisten mit dickem Fell, mehr Vor- als Nachteile. Natürlich muss man sich dabei ständig selbst überprüfen, um die Unabhängigkeit zu wahren. Aber Politiker wissen, dass sie es aushalten müssen, in der Zeitung für ihre Politik kritisiert zu werden, selbst wenn sie auf dem Sportplatz einen schönen Pass gespielt haben.

Man gewöhnt sich an diesem Korrespondentenplatz daran, seinerseits kritische Töne der Akteure zu hören, weil die eine oder andere Pressemitteilung nicht berücksichtigt wurde oder ein Kommentar scharf ausgefallen ist. Es kommt auch vor, dass Politiker die Journalisten von einer Recherche abbringen wollen, die doch gar nicht so wichtig sei. Das sind interessante Erfahrungen, die einen Reporter erst richtig wachrütteln für ein Thema, das offenbar als brisant gilt. Ob es um hessische Steuerfahnder geht oder um die Vorgänge an einer Privathochschule.

Im Grunde aber zeigen diese Konflikte, wie wichtig die kontinuierliche Berichterstattung der Zeitungen genommen wird. Längst verbreiten Parteien und Abgeordnete ihre Äußerungen über Twitter und Facebook. Aber die traditionellen Medien besitzen hier weiterhin einen besonderen Stellenwert, denn sie erreichen auch ein anderes Publikum als die eigenen Anhänger. Zudem wissen Politiker, dass sich die Landtagskorrespondenten seit Jahren mit der Landespolitik befassen, mit Schul-, Polizei- und sogar mit Finanzfragen. Kein Wunder, dass die Landespolitiker alarmiert sind über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Zeitungen.

Eine Unterstützung leisten sie bereits seit Jahren. Das Parlament stellt der Landespressekonferenz, also den fest im Landtag akkreditierten Journalisten, für ihre Arbeit Büros zur Verfügung. Das ist in anderen Parlamenten nicht die Regel und belegt die Wertschätzung des Hessischen Landtags für die Arbeit der Reporter. Trotzdem werden es immer weniger. Das ist nicht nur ein Zeichen für die Krise, in der die Zeitungen stecken. Es ist auch ein Alarmsignal für die Landespolitik. Denn die Aufmerksamkeit für sie schwindet.

Im Vordergrund stehen für die meisten Medien die Krisen und Kriege der Welt, die Politik von Obama bis Merkel und die Stars und Sternchen der Unterhaltungsindustrie. Auf der anderen Seite hat die Lokalberichterstattung einen Schub bekommen, weil Leserinnen und Leser nah an ihren Nachbarn in der Region sein wollen.

Wie derzeit in der Flüchtlingskrise: Die Aufmerksamkeit gilt weltweiten Bewegungen der Menschen ebenso wie ihrer Unterbringung vor der eigenen Haustür. Die Landespolitik stellt zwar Weichen und sorgt für die Erstunterbringung der Flüchtlinge, doch ihre Entscheidungen stehen nicht im Zentrum der Debatte. Irgendwo zwischen dem Globalen und dem Lokalen wird die Landespolitik zerrieben. Wer erinnert sich schon daran, dass die Bundesrepublik in ihren Wurzeln eigentlich ein Zusammenschluss von Ländern ist?

An meiner Schranktür hängt die Abschieds-Zeitungsseite, die wir für eine frühere Korrespondentenkollegin geschrieben und layoutet haben. Ihre Zeitung hat das Büro im Landtag aufgegeben. In ihr früheres Zimmer ist ein Kollege der Landtagsverwaltung eingezogen. Die Schar der festen Korrespondenten im Parlament wird kleiner. Wo früher die Nachrichtenagentur AP saß, die „Hessische Niedersächsische Allgemeine“ oder das „Darmstädter Echo“, ist heute kein Korrespondent mehr zu finden. Kein Wunder, dass Ministerpräsident Bouffier deutliche Worte des Bedauerns und auch des Unverständnisses fand, als die HNA-Kollegin gehen musste, die Vorsitzende der Landespressekonferenz gewesen war. Da waren wir uns sogar mal mit Bouffier einig.

Wenn hier etwas Aufregendes passiert, wenn Ypsilanti an den eigenen SPD-Leuten scheitert oder die erste schwarz-grüne Koalition in einem Flächenland ihre Arbeit aufnimmt, wird natürlich trotzdem überall berichtet, auch von Medien ohne feste Korrespondenten in Hessen. Plötzlich tauchen Kolleginnen und Kollegen anderer Zeitungen und Sender auf, die sich in kurzer Zeit einen Eindruck verschaffen. Und die anschließend wieder weg sind.

Es gibt aber auch Medien, die der Landespolitik dauerhaft ihre Aufmerksamkeit schenken. Das gilt für die Frankfurter Rundschau seit Jahrzehnten. Kein Wunder, dass wegweisende Journalisten für die FR von hier berichtet haben wie Jochen Siemens, Hans-Helmut Kohl, Richard Meng, Karl Doemens oder Matthias Bartsch, um nur einige zu nennen. Seit zehn Jahren darf ich diese Tradition fortsetzen.

Oft zahlt sich die Kontinuität aus. Wo in Berlin mit Ellenbogen um Exklusivgeschichten gekämpft wird, die sich oft gar nicht als so exklusiv herausstellen, geht es in Wiesbaden entspannter zu. Selbst von mancher Pressekonferenz kann die FR exklusiv berichten, wenn sich kein anderes Medium dafür interessiert.

Das gilt sogar für hochbrisante Themen, wenn sie abseits der landespolitischen Agenda spielen. Als etwa Ende 2012 der Europasprecher der griechischen Syriza die Vorstellungen seiner Partei erläuterte, weil die hessische Linke ihn eingeladen hatte, interessierte das nur die FR.

Das Gleiche galt, als im Landtag eine Vertreterin der Witwen aus dem afghanischen Kundus eine Pressekonferenz gab, die sich für die Hinterbliebenen der Opfer des Bombenangriffs auf einen Tanklaster einsetzte. Keine Zeitung außer der FR schickte jemanden zur Pressekonferenz – obwohl Franz Josef Jung als Verteidigungsminister im Amt gewesen war, als ein deutscher General den Befehl zu dem Angriff gab. Jung musste 2009 im Zuge der Aufarbeitung der Affäre zurücktreten.

Im Laufe der Jahre hat sich die Arbeit durch die technische Entwicklung ungeheuer beschleunigt. Im Sekundentakt kann man heute über Twitter auf dem Laufenden sein. Auch ich twittere – und hatte selten so viele Leser unter meinen Followern wie an jenem Januar-Tag 2014, als der Landtag einen Ministerpräsidenten wählte und aus Versehen Stimmzettel für „Max Mustermann“ ausgegeben hatte. Diese Art von Nachrichten – die amüsanten, aber auch emotional bewegenden – haben durch die sozialen Medien eine gewaltige Konjunktur erfahren.

Ja, es ist leichter geworden, sich rasch Informationen zu besorgen, für die man früher noch im schwarz-rot-golden gebundenen Handbuch namens „Oeckl“ die Telefonnummern der Pressestellen nachschlagen musste. Aber ein Interview dauert auch heute noch so lange wie früher, und ein Kommentar sollte nicht gedruckt werden, wenn nicht genug Zeit war, über das Thema nachzudenken.

Mit mehr Personal in der Redaktion wäre das leichter zu schaffen. Aber immerhin hat die FR die Insolvenz im Jahr 2012 so überstanden, dass sie weiter mit ihrem politischen und journalistischen Anspruch erscheinen kann. Als Korrespondent im Landtagsbüro war diese tiefste Krise womöglich leichter auszuhalten als im Mutterhaus.

Während sich dort alle Gedanken um das drohende Aus und eine mögliche Rettung der Frankfurter Rundschau drehten, ging rund um unser Büro im Landtag alles seinen Gang wie immer. Die Zukunft der Schulen, die Schuldenbremse, die Wahltermine und Personalentscheidungen – das beschäftigte die Politiker.

Der Landtag begann in jener Zeit auch damit, die NS-Verstrickung seiner früheren Abgeordneten öffentlich aufzuarbeiten. Worüber die Frankfurter Rundschau in guter Tradition berichten konnte wie seit 70 Jahren, als sie aus den Trümmern Nazi-Deutschlands als antifaschistische, soziale und liberale Zeitung gegründet wurde. Manches ändert sich eben auch in Jahrzehnten nicht.

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