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Lampedusa-Flüchtlinge in Frankfurt Gelebte Nächstenliebe

Pfarrer Ulrich Schaffert und seine Kollegin Sabine Fröhlich entscheiden sich nach einem Gottesdienst spontan, 22 Flüchtlinge aus Lampedusa aufzunehmen. Damit lösen sie eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität aus, mit der sie nicht gerechnet haben.

Göpferts Runde mit Pfarrerin Sabine Fröhlich und Pfarrer Ulrich Schaffert. Foto: peter-juelich.com

Aus der Dunkelheit schälen sich die Konturen eines weißen Bunkers. Am Ende einer verlassenen Stichstraße. Junge Migranten kommen aus dem Gebüsch, mustern die Neuankömmlinge im Lichtkreis der Bogenlampe erst misstrauisch, lachen dann freundlich. „Macht ihr ein Foto-Shooting?“, fragen sie neugierig, mit Blick auf die Ausrüstung des Fotografen. „Dann wollen wir mit ins Bild!“ Schließlich trollen sich die Fünf, von der Schwärze verschluckt. Der Bunker ist gar keiner. Er ist eine Kirche. „Cantate Domino“, steht in großen Lettern auf der Fassade.

Sabine Fröhlich führt die Besucher ins Innere und lächelt. Sie kennt das schon, diese Verblüffung über ihr Gotteshaus. Innen erschließt sich erst, wie groß es ist. Völlig schmucklos bis auf einen Wandteppich hinter dem Altar. „Der Raum bietet kaum Halt, diese Weite – ganz toll.“ Die evangelische Pfarrerin schwärmt von der „hervorragenden Akustik“, von den wunderbaren Konzerten, die es hier gebe. Tassilo Sittmann, der Architekt der Nordweststadt, hat auch die 1965 eröffnete Kirche dort entworfen, die heute unter Denkmalschutz steht – bewusst schlicht, als Gegenbild zum Prunk manch katholischer Gotteshäuser.

Ulrich Schaffert ist herübergekommen von der nahen Dietrich- Bonhoeffer-Gemeinde. Für den Pfarrer und seine Kollegin ist seit dem 3. November nichts mehr wie es war. Damals entschieden die beiden spontan, im Anschluss an einen Gottesdienst, 22 afrikanische Flüchtlinge in der Kirche aufzunehmen. „Es war ein Abenteuer, das wir eingegangen sind – auf das, was dann geschah, waren wir nicht vorbereitet,“ sagt der Geistliche, der in Laubach bei Lich geboren wurde.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft, der Solidarität, ist über die beiden kleinen Gemeinden im Norden Frankfurts hereingebrochen – und hat das Leben von Fröhlich und Schaffert verändert. Evangelische Kirche in der Nordweststadt: Das ist nicht einfach. „Wir sind protestantische Diaspora“, sagt Fröhlich knapp. „Umgeben von vielen Muslimen in der Nachbarschaft.“ Die Zahl der evangelischen Christen sinkt immer weiter, 1400 Gläubige sind es noch bei Cantate Domino, knapp 1100 in der Bonhoeffer-Gemeinde. „Wenige junge Leute, wenige Taufen“, so Schaffert. Es gibt Kontakte der Christen zur muslimischen Mehrheit ringsum, „aber es könnte sich mehr entwickeln“, sagt der Pfarrer.

Und dann kam Sonntag, der 3. November. Die beiden Geistlichen standen Seite an der Seite beim Gottesdienst in Cantate Domino. Fast 200 Gläubige waren gekommen, so viele wie selten. „Ich predigte über Toleranz“, erinnert sich Fröhlich, „liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, denn er ist wie Du.“ Während des Abendmahls sei „ein junger Schwarzer“ an Schaffert herangetreten, „der wollte was sagen.“ Sie luden den Nigerianer Ola Oluokun zum Kaffee nach dem Gottesdienst ein, einen Mann, der schon zwölf Jahre in Deutschland arbeitet. Er erzählte von einer Gruppe von 22 afrikanischen Flüchtlingen, die seit Wochen unter der Untermainbrücke schliefen. Immer mehr Gemeindemitglieder hörten betroffen zu. Man überlegte, Decken und Matratzen zur Brücke zu schaffen.

Bis dann plötzlich einer sagte: „Holt sie doch her!“ Und so geschah es. Innerhalb eines Nachmittags füllte sich die Kirche mit Decken und Schlafsäcken, die ersten Spenden trafen ein. Frauen brachten Suppe vorbei. Am Abend trafen die Flüchtlinge ein, „junge Männer aus Nigeria und Ghana, die meisten waren über die Insel Lampedusa nach Europa gekommen.“

Pfarrerin Fröhlich blickt auf die Krippe mit dem Jesukind neben dem Altar. „Ich habe damals gedacht: Das ist ein Moment, der sich lange vorbereitet hat – ich habe immer darauf gewartet, dass so etwas passiert.“ Früher oder später, davon war sie überzeugt, würden Menschen, denen die Flucht über das Mittelmeer nach Norden gelungen war, vor ihrer Tür stehen. Dass es gerade vor Weihnachten geschah, beflügelte sie zusätzlich. Die 51-jährige zögerte keine Minute, ihre Kirche für die Flüchtlinge zu öffnen. „Auch der Kirchenvorstand von Cantate Domino stand dahinter.“ Die Pfarrerin zündet Kerzen an hinter dem Altar. „Ich bin sehr stolz und beglückt, dass das so ging.“

Für Ulrich Schaffert war es schlicht „nicht mehr möglich, zu sagen: Wir schauen weg.“ Er nennt die zurückliegenden Wochen „überwältigend,“ weil sich „aus der Gemeinschaft heraus eine Aktion entwickelt“ habe. Die Botschaft dieser Vorweihnachtszeit, in der die Flüchtlinge in der Kirche lebten, sei: „Gemeinsam sind wir stark.“

Für ihn schließt sich damit ein Kreis. Sein Vater unterrichtete am Laubach-Kolleg bei Lich, einer Schule der evangelischen Kirche mit christlich-humanistischer Prägung. Dennoch war es für den Sohn „ein langer Weg“ zum Pfarrer: „Ich hab mich erst mal dagegen gewehrt.“ Sein Vorbild war der Theologe und Sozialist Helmut Gollwitzer. Schaffert studierte in Berlin Sozialpädagogik, er wollte das Politische und das Christliche miteinander verbinden. Genau das, sagt er, sei mit der Aufnahme der Flüchtlinge gelungen: „Das Beten und das Tun des Gerechten.“

Bei der Frankfurterin Susanne Fröhlich, in Eschersheim geboren und aufgewachsen, kam schon in der Oberstufe auf dem Gymnasium der Wunsch auf, Pfarrerin zu werden. Und zugleich wusste sie früh, was es bedeutete, in einer Flüchtlingsfamilie zu leben: „Meine Eltern waren aus der DDR geflohen, kurz vor dem Mauerbau.“ Seit 1995 ist sie Pfarrerin. Doch auch bei ihr geschah das „nicht bruchlos, mit Phasen des Zweifels.“ Endgültig überzeugte sie ihr Vikariat, das sie im Hamburger Stadtteil St. Georg absolvierte, dem Viertel der alternativen Kultur. „Ich wollte das Wort Gottes immer in Verbindung zum Alltag bringen – nicht nur Worte, sondern auch Taten.“

Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten

Wir sitzen auf den originalen Holzbänken, die seinerzeit vom Architekten für die Kirche entworfen worden waren. Schaffert erzählt von dem Traum, der bei ihm seit Wochen wiederkehrt: Er läuft einen Marathon. Die Flüchtlinge sind mittlerweile in die Gutleutkirche umgezogen. Doch der Pfarrer und seine Kollegin engagieren sich weiter für sie. Sammeln Geld, Kleidung. Haben gerade einen großen Benefiz-Abend in Cantate-Domino organisiert. Es gibt ungewöhnliche Gesten der Solidarität. „Die Leute kommen auf mich zu und sagen: Endlich tut die Kirche mal was Gutes!“, berichtet die Pfarrerin. Eine Verkäuferin an der Zeil ließ Schaffert mit ihrem Mitarbeiter-Rabatt einkaufen, als sie erfuhr, dass es um Unterwäsche für die Menschen aus Afrika ging. Die städtische Verkehrsgesellschaft Frankfurt stellte Fahrkarten zur Verfügung.

„Durch all das bekommt die Bibel Direktheit und Aktualität – sie ist plötzlich sehr nah“: So empfindet es der Geistliche. Fröhlich erlebt fassungslos, dass die Flüchtlinge nicht arbeiten, kein Geld verdienen dürfen – obwohl sie es wollten: „Frankfurt ist so reich – aber inmitten dieser glitzernden Glaspaläste haben wir für diese Menschen keine Arbeit.“ Raumhoch reicht der farbige Wandteppich, der hinter dem Altar aus altem Olivenholz hängt und abstrakte Muster aufweist. Für die Pfarrerin bedeutet jeder Gottesdienst „mein Herzstück“. Er ist in ihren Augen „ein Gesamtkunstwerk“ aus Musik, Worten und Gesang.

Evangelische Kirche ist im Umbruch

Wie wird es weitergehen für die Gemeinden in der Nordweststadt? Die evangelische Kirche in Frankfurt ist im Umbruch. Es wird gespart. „Längerfristig wird es zu weiteren Zusammenschlüssen von Gemeinden kommen müssen, um unsere Kräfte zu bündeln“, erwartet Fröhlich. Die enge Zusammenarbeit der beiden Gemeinden in der Nordweststadt sei da ein Vorbild. Auch Schaffert ist überzeugt, dass die evangelische Kirche „in größeren Räumen“ denken muss. Aber er will auch Eigenständigkeit von Gemeinden verteidigen: „Es muss eine gute Balance von beidem sein.“

Der Einsatz für die Flüchtlinge aus Afrika ist aus der Sicht der Pfarrerin etwas, „das Kraft kostet, aber auch Kraft gibt für die tägliche Arbeit.“ Und jetzt drängt sie zum Aufbruch. Der Gemeindevorstand tagt. Es wird auch um die Menschen aus Afrika gehen, die in Frankfurt gestrandet sind.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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