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Lärm „Züge sind lauter als Flugzeuge“

Eberhard Greiser ist Arzt und emeritierter Professor für Epidemiologie. Im Auftrag des Umweltbundesamts hat er vor fünf Jahren eine Studie über die gesundheitlichen Folgen von Fluglärm erstellt.

Güterzüge fahren pausenlos – Tag und Nacht. Foto: imago/Rüdiger Wölk

Herr Greiser, was unterscheidet Bahnlärm von Fluglärm?
Die gemeinsame Charakteristik ist ein plötzlicher starker Lärmpegelanstieg. Es gibt aber zwei relevante Unterschiede. Bahnlärm durch Güterzüge dauert in der Regel länger und ist sehr viel lauter als der Überflug eines Flugzeugs. Bei unserer Fluglärmstudie im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn lag der Mittelwert bei 63 Dezibel. Auf der Rheinschiene kommen wir auf 80 Dezibel. Das entspricht einem Faktor von etwa 1500.

Ist der Lärm von Güterzügen viel schlimmer als der von Flugzeugen?
Von der Lautstärke her ja. Anders als Fluglärm macht er auch keine Pause. Bei den Menschen im Mittelrheintal rauschen pro Nacht 100 Züge vorbei. Bis 2020 soll sich das noch mal verdoppeln.

Nach Ihren Berechnungen verursacht dieser Krach allein im deutschen Teil der Transversale Rotterdam–Genua 75 000 zusätzliche Krankheiten und 30 000 Todesfälle in zehn Jahren. Die Gesundheitskosten beziffern Sie mit 3,8 Milliarden Euro. Auf welcher Grundlage kommen Sie zu diesem Ergebnis?
Ich bin für die Anzahl betroffener Männer und Frauen von den Statistiken des Eisenbahnbundesamts ausgegangen. Auf deren Homepage ist für jeden Bereich einer Schienenstrecke die Anzahl der Betroffenen angegeben. Von der holländischen bis zur Schweizer Grenze sind das drei Millionen. Für die Berechnung der Krankheitskosten konnte ich mich auf die Krankheitskosten-Rechnungen des Statistischen Bundesamts stützen.

Was sind das für Krankheiten?
Ich habe die Erkenntnisse aus der Studie Köln-Bonn übertragen. Demnach verursacht Lärm Herz- und Kreislaufkrankheiten. Bluthochdruck kann zu Demenz und Nierenschwäche führen, Schlafstörungen zu Diabetes und psychischen Erkrankungen.

Nun gibt es unterschiedlich laute Güterzüge. Die Bahn rüstet doch immer mehr Fahrzeuge auf sogenannte Flüsterbremsen um. Haben Sie das berücksichtigt?
Es gibt gegenwärtig praktisch keine leisen Güterzüge. Das ist anders als in der Schweiz, wo die sogenannten Graugussbremsen verboten sind. Laut Koalitionsvertrag sollte die Deutsche Bahn bis 2016 die Hälfte ihrer Züge umgerüstet haben. Jetzt ist die Rede davon, dass bis 2020 der Bahnlärm halbiert werden soll. Für das Mittelrheintal heißt das nur eine Reduzierung des Dauerschallpegels von 80 Dezibel auf 77. Und ein nächtlicher Dauerschallpegel von 77 Dezibel ist in jedem Fall stark gesundheitsgefährdend.

Wie nützlich sind Schallschutzfenster? Mit denen sind doch auch im Mittelrheintal immer mehr Häuser ausgestattet.
Es gibt keine belastbaren Zahlen, wie viele Häuser das sind. Aber bei dem Lärm bräuchten Sie mindestens eine Dreifach-Verglasung und Dachdämmung. Dafür gibt die Deutsche Bahn kein Geld.

Zum Lärm kommen an den Bahntrassen die Erschütterungen. Was haben die zur Folge für die Anwohner?
Das weiß kein Mensch. Zu Straßenlärm gibt es seit vielen Jahren Studien, zu Fluglärm seit mindestens zehn Jahren. Zu den Folgen des Bahnlärms gibt es gerade einmal eine Publikation des österreichischen Professors Lercher aus Innsbruck, der ein erhöhtes Risiko für die Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln bei Schienenlärmgeplagten gefunden hat. Es fehlt weltweit eine epidemiologische Studie zu den sogenannten harten Endpunkten, das heißt zu schwerwiegenden Erkrankungen und Todesfällen.

Welche Forderungen leiten Sie aus Ihrer Prognose ab?
Meine Prognose soll die Politik darüber aufklären, dass der unmittelbare Nutzen des Transports auf der Schiene mit sozialen Schäden verbunden ist. Die hat bisher keiner im Blick. Wir brauchen eine Gesundheitsstudie zum Bahnlärm.

Interview: Jutta Rippegather

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