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KV-Hessen-Vorstand im Interview "Medikamentenstudien verbieten!"

Medikamentenstudien sind ein Marketinginstrument der Pharmaindustrie. Sie bieten Ärzten einen lukrativen Zuverdienst, von Forschung kann dabei keine Rede sein, sagt der hessische Epidemiologe Harald Herholz im FR-Interview.

23.07.2009 00:07
Der Arzt verschreibt teure Originalpräparate, der Hersteller belohnt ihn dafür - und die Zeche zahlt der Versicherte mit seinen Krankenkassenbeiträgen. Foto: ddp

Herr Dr. Herholz, die Kassenärztliche Vereinigung bekommt aus Berlin die Liste der Ärzte, die im Auftrag von Pharmaunternehmen an Patienten Produkte ausprobieren. Wie viele sind das in Hessen?

Das Problem ist, dass wir nicht die genaue Anzahl der Patienten erhalten, sondern nur gemeldet bekommen, welcher Arzt - offiziell - bei welcher Anwendungsbeobachtung mitmacht. Auf dieser Grundlage kann ich sagen, dass in Hessen mehrere 1000 Anwendungsbeobachtungen pro Monat stattfinden.

Wieviel Ärzte machen mit?

In Hessen sind es pro Jahr mehr als 1000.

Welche Fachgruppen?

Alle. Auch Hausärzte.

Was ist das klassische Krankheitsbild für die Medikamentenstudien?

Der häufigste Fall war bisher, dass eine Firma einen teuren Protonenpumpenhemmer herstellt, das ist ein Mittel gegen Magengeschwüre und Gastritis. Sie versucht dann möglichst viele Ärzte zu gewinnen für eine Studie, die diesen Namen nicht verdient, weil das Mittel schon viele Jahre auf dem Markt ist und die Studie überhaupt keinen Erkenntnisgewinn bringt. Die Ärzte sollen dieses Mittel verordnen, zusätzlich einen Dokumentationsbogen ausfüllen, der dann sehr gut honoriert wird.

Nennen Sie bitte weitere Krankheiten.

Häufig geht es auch um teure Originalpräparate gegen Bluthochdruck oder um Schmerzmittel.

Was bezahlen die Pharmaunternehmen pro Dokumentationsbogen?

Die Firmen müssen neuerdings auch melden, welche Honorare sie zahlen. Sie sind oft doppelt wenn nicht gar vier- bis fünfmal höher als die Honorare, die Ärzte normalerweise für die Behandlung des Patienten von den Krankenkassen bekommen. Das halte ich für problematisch.

Also 100 Euro pro Bogen?

Das kommt vor. Im Extremfall geht das dann hoch bis 2500 Euro.

Welchen Vorteil haben die Pharmafirmen?

Der Vorteil für die Pharmafirma liegt im gesteigerten Umsatz. Sie kauft sich gewissermaßen per Anwendungsbeobachtung einen höheren Umsatzanteil. Brisant ist hierbei die Tatsache, dass die Krankenkassen die Arzneikosten auch für Verordnungen im Rahmen von Anwendungsbeobachtungen tragen.

Anwendungsbeoachtungen klingt nach Versuchskaninchen. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Das klingt vor allem zunächst wissenschaftlich, was es aber keinesfalls ist. Die Studien sind methodisch zweifelhaft, weil es oft keine vernünftige Fragestellung gibt und Kontrollgruppen fehlen. Die Ergebnisse werden häufig nicht ausgewertet, geschweige denn publiziert. Arzneimittel-Experten sind sich einig, dass der Erkenntnisgewinn gleich Null ist.

Und warum erklären sich die Ärzte dazu bereit?

Teilweise glauben sie tatsächlich, dass es sich um Forschung handelt. Eine andere Motivation ist sicher der Zuverdienst.

Für mich als Patientin ist es nicht so fein nicht zu wissen, ob ich ein Medikament nur bekomme, weil mein Arzt an einer Anwendungsbeobachtung teilnimmt. Wie kann ich das erfahren?

Sie sollten ihren Arzt darauf ansprechen.

Was sagt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen zu der Praxis?

Wir finden das problematisch. Die Medikamente, die in Anwendungsbeobachtungen eine Rolle spielen, sind meist sehr teuer. Es gibt oft preiswertere Alternativen. Das Geld, das wir hier verschwenden, fehlt an anderer Stelle.

Sind Sie strikt gegen Anwendungsbeobachtungen?

Ja. Anwendungsbeobachtungen sind überflüssig. Es ist ein Marketinginstrument, welches letztlich die gesetzlich Versicherten durch höhere Beiträge bezahlen. Anwendungsbeobachtungen sollten daher verboten werden. Hier ist der Gesetzgeber gefordert.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sagt dagegen, die Pharmaindustrie mit ihrem Verein der freiwilligen Selbstkontrolle sei hier gefordert. Reicht das nicht?

Das hat in den vergangenen Jahren nichts gebracht. Es ist naiv zu glauben, dass sich die Pharmaindustrie selbst kontrolliert. Bundesministerin Schmidt sagt auch, dass die Selbstverwaltung, also die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen, mit ihren Antikorruptionsbeauftragten eingreifen sollen. Doch die wenigen paar Leute sind damit überfordert, ihre Möglichkeiten sind eng begrenzt.

(Interview: Jutta Rippegather)

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