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kunst Geringelte Gedichte

Von allen Seiten packt den Besucher hier das überbordende Leben. Collagen, Postkarten, Bilder an den Wänden, auch ein ausgestopfter Bussard. Ein

Von allen Seiten packt den Besucher hier das überbordende Leben. Collagen, Postkarten, Bilder an den Wänden, auch ein ausgestopfter Bussard. Ein Schwarz-Weiss-Film aus den 60er Jahren flackert. Eine Stimme liest Gedichte. Und das Motto dazu ist ganz groß auf einem Transparent an der Wand zu lesen. "Liebe für alle, Hass für keinen" - der Wahlspruch der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Frankfurt, deren Imam Hadayatullah Hübsch ist. Er ist ein Grenzgänger seit Jahrzehnten und so präsentiert er sich auch in der Ausstellung im Mousonturm: als Künstler und Schriftsteller, als Mittler zwischen den Religionen, der vom Hippie zum Muslim wurde.

Manchmal beim Rundgang durch sein "sehr privates Album" muss der 62-jährige Paul Gerhard Hübsch lachen, wenn ihn die Erinnerung anspringt. "Mach, was Du willst!", hieß 1969 programmatisch sein erstes Buch mit Gedichten. Es findet sich neben vielen anderen seiner mehr als 100 Publikationen in gläsernen Schaukästen. Schon 1967 las er mit Freunden öffentlich Gedichte vor - einer der Filme in der Ausstellung zeigt, was dann in der Fußgängerzone von Wuppertal geschah. Natürlich rückte die Polizei an, fragte nach der Genehmigung und Hübsch formte daraus sofort eine Aktion, indem er die Frage an die Zuschauer weitergab: "Haben Sie eine Erlaubnis?" Verblüffung bei den Angesprochenen.

Ein Jahr später eröffnete er in Frankfurt in der Bockenheimer Landstraße den ersten Head-Shop-Deutschlands, eine Keimzelle der Hippie-Bewegung. Vergilbte Schwarz-Weiss-Bilder erinnern an "Heidi Loves You" - der bald geschlossen wurde, weil er Anlaufpunkt für US-Soldaten war.

Heute lässt der Poet keinen Zweifel daran, dass er bittere Erfahrungen mit Drogen machte: "Ich hab' mich damals an LSD verloren, total." Als Mitglied der legendären Kommune 1 taumelte er acht Tage ohne Schlaf im Drogenrausch durch Berlin: "Ich landete in der Psychiatrie." Bis heute quälen ihn Flashbacks. Kein Zufall, dass an der Wand auch ein historisches Porträt des 2. Kalifen der Ahmadiyya-Gemeinde hängt: Der Übertritt 1970 zum Islam, sagt Hübsch, habe sein Leben gerettet.

Seitdem schreibt er unermüdlich: Seine Langgedichte von mehr als 20 Seiten ringeln sich die Wände hinunter. "Europa Störungsfrieden" heißt eines, "gegen die Schönfärberei gerichtet, dass wir alle ein Europa sind". 130 Postkarten sind zu sehen aus einer fantasievollen Korrespondenz mit den Künstlern Theo Körppen und Christoph Fuhrken. Eine "winzige Auswahl" von 1500 Collagen hängt hier auch, mit denen Hübsch nicht zuletzt seine Hassliebe zu den USA künstlerisch ausdrückt. Etwa in der "Mickey-Mouse"-Serie. Oder in den gepuzzelten Bildern, durch die der grüne Hulk turnt, die "sehr mythische Figur" von jenseits des großen Teichs.

Mysterium Bussard

Hass und Liebe: Der junge Paul Gerhard ist "mit Cornflakes und Cadbury-Schokolade" , mit amerikanischer Rock-Musik im Haus eines US-Offiziers in Neu-Isenburg aufgewachsen, "bei dem meine Mutter putzte". Und hat später gegen den US-Krieg in Vietnam protestiert. Und der Bussard an der Wand? Dessen Mysterium, sagt der Imam, ziehe ihn an: "Er nimmt sich die Freiheit und kehrt dann auf die Hand des Meisters zurück..

Hadayatullah Hübsch, Galerie Station im Mousonturm, Frankfurt, Waldschmidtstraße 4, freitags und samstags 19-22 Uhr, sonntags

15-19 Uhr, bis 21.9.

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