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Kultusministerin Henzler "Religionskunde für alle"

Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler unterstützt die Einführung von islamischem Religionsunterricht. Die Lehrer sollen wie jede andere Lehrkraft ausgebildet werden, sagt sie im FR-Interview.

13.02.2009 13:02
Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler. Foto: Michael Schick

Frau Henzler, Sie wollen Islamunterricht zum Pflichtfach machen und bekommen dafür von allen Seiten Beifall, nur nicht von Ihrem Koalitionspartner CDU. Mit welchen Argumenten wollen Sie den überzeugen?

Wir machen mit verpflichtendem islamischem Religionsunterricht an Hessens Schulen einen großen Schritt in Richtung Integration. Die Kinder und Jugendlichen lernen ihre eigene Religion bisher in ihrer Muttersprache in Koranschulen kennen, wo wir die Inhalte nicht kontrollieren können. Ich habe größte Bedenken, ob die Religionsvermittlung dort immer aufklärerisch und modern geschieht. Im übrigen haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart, die Einführung von Islamunterricht zu prüfen, und das tun wir jetzt.

Könnte Ethikunterricht mit Religionskunde für alle das gegenseitige Verstehen nicht mehr fördern als ein konfessionsgebundener Unterricht, für den sich die Schüler in Grüppchen separieren?

Die FDP fordert einen solchen religionskundlichen Unterricht. Den können wir allerdings nicht einführen, ohne die Verfassung zu ändern. Und ein solcher Unterricht an stelle des verpflichtenden Religionsunterrichts würde auch auf den erbitterten Widerstand der christlichen Kirchen stoßen.

Und den Ihres Koalitionspartners.

Da gäbe es sicher Schwierigkeiten. Nach reiner FDP-Lehre würden wir Religionskunde für alle Glaubensrichtungen zum Pflichtfach machen, das man nicht abwählen kann. Bis das aber umsetzbar wird, muss man den 60 000 Schülern muslimischen Glaubens einen eigenen Religionsunterricht ermöglichen, der dem katholischen und evangelischen gleichgestellt ist.

Woher sollen dafür die Lehrer kommen?

Der Unterricht soll in deutscher Sprache gehalten werden, von in Deutschland ausgebildeten deutschen Lehrerinnen und Lehrern unter staatlicher Schulaufsicht. Dazu werden wir geeignete Lehrer weiterqualifizieren und gleichzeitig neue Lehrer an einer hessischen Universität ausbilden.

Es gibt an der Frankfurter Goethe-Universität seit 2005 eine Stiftungsprofessur für Islamische Religion, die der türkische Staat finanziert. Sollen dort die neuen Lehrer ausgebildet werden?

Wir müssen prüfen, ob dort die von uns vorgeschriebenen Lehrinhalte unterrichtet werden können.

Ihre Vorvorgängerin als Kultusministerin, Karin Wolff, machte das Fehlen eines verlässlichen Partners auf Seiten der Muslime dafür verantwortlich, dass man keinen Islamunterricht einführen könne. Haben Sie denn nun einen solchen Partner gefunden?

Was wir brauchen, ist nicht ein einziger Ansprechpartner, sondern zunächst einen Runden Tisch mit allen muslimischen Glaubensrichtungen. Mit diesen wollen wir uns auf ein Curriculum verständigen. Das setzt natürlich voraus, dass diese Partner aufeinander zugehen.

Wollen Sie auch Lehrer aus diesem Kreis gewinnen?

Nein. Die Islamlehrer werden wie jede andere hessische Lehrkraft auch Angestellte oder Beamte des Landes sein und den üblichen Weg der Aus- und Weiterbildung gehen.

Ist die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen IRH für Sie ein geeigneter Ansprechpartner?

Das müssen wir mit dem Innenministerium klären, das für den Verfassungsschutz zuständig ist. Wenn eine Organisation die Verfassung des Landes nicht mitträgt, kann sie auch nicht an Inhalten für hessische Schulen mitarbeiten. Bei der IRH habe ich da große Bedenken.

Wird Islamunterricht nicht die Angst vor Islamisierung verstärken?

Das Gegenteil ist der Fall. Der Bevölkerung ist vielleicht noch nicht bewusst, dass muslimische Kinder ja Religionsunterricht bekommen, aber eben in Koranschulen mit Inhalten, die wir nicht kennen. Viele Kinder und Jugendliche besitzen einen Glauben, und es ist grundgesetzlich geboten, sie in ihrem Glauben zu unterrichten. Und zwar in aufgeklärter Art und Weise. Wir wollen Toleranz und Offenheit fördern und dort auch Themen ansprechen können wie die Zwangsverheiratung junger muslimischer Frauen.

Welche Erfahrungen bringt Ihr neuer Staatssekretär Heinz-Wilhelm Brockmann aus Niedersachsen mit, wo es Islamunterricht bereits seit sechs Jahren an knapp 30 Schulen gibt?

Die wissenschaftliche Auswertung des Versuches zeigt, dass die meisten Eltern von diesem Angebot begeistert sind. Es hat einen guten Nebeneffekt: Muslimische Jungen sind oft sehr kritisch deutschen Lehrerinnen gegenüber. Im Islamunterricht ist das überhaupt nicht der Fall, das überträgt sich auch auf den anderen Unterricht.

In Niedersachsen sind die Lehrkräfte selbst muslimischen Glaubens. Soll dies auch in Hessen der Fall sein?

Dies und andere Fragen sollen am Runden Tisch erörtert werden.

Wann wollen Sie starten?

Das kann ich noch nicht beantworten. Wir beginnen mit einem Integrationsgipfel im Frühjahr, daraus soll der Runde Tisch entstehen, und dann werden wir die Lehrkräfte qualifizieren.

Ist das bis zum nächsten Schuljahr möglich?

Auf keinen Fall. Aber ich hoffe sehr, dass es noch in dieser Legislaturperiode los geht.

Interview: Peter Hanack

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