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Kritik an Peter Beuth Pyrotechnik gehört dazu

Die Strafverteidigerin Waltraut Verleih kritisiert Hessens Innenminister Peter Beuth für seinen Kampf gegen Pyrotechnik im Stadion. Der Gastbeitrag.

Pyrotechnik
Die Strafverteidigerin Waltraut Verleih kritisiert Innenminister Peter Beuth für seinen Kampf gegen Pyrotechnik im Stadion. Foto: dpa

Verbannen – verschärfen – ächten – Problemfan – Gefährder – Solidarisierung „aufbrechen“ – Fanszene regulieren –, so hört sich die Sprache des Innenministers Beuth an, der sich dennoch im „dauerhaften“ Dialog mit der Fanszene glaubt.

Die Schlagworte des hessischen Innenministers sind operative Begriffe der Polizei, die zur Beschreibung des Alltags in deutschen Stadien völlig untauglich sind. Neben den vergeblichen Versuchen der Ausgrenzung liebt der Innenminister Strafen. Die Zahl strafbewehrter Verbote wächst seit Jahren, obwohl die Kriminalitätsbelastung sinkt. Gefühlslagen der Polizei werden mit Verschärfungen im Strafrecht bedient, zum Beispiel die sogenannte Widerstandshandlung oder Fahrverbote bei Straftaten ohne Zusammenhang mit dem Führen eines Kraftfahrzeugs.

Aktive Fanszene in Stadien im Visier

Zum wiederholten Mal hat Beuth das Verhalten der aktiven Fanszene in Stadien im Visier. „Wer in Stadien zündelt, geht in den Knast“, fordert er und will auf die harte Art ein Problem angehen, dass es mit ein wenig mehr Verstand statt Schlagworten gar nicht gäbe. Strafe, dass wissen Juristen, darf immer nur Ultima Ratio sein. Das letzte Mittel also, wenn alle anderen Instrumente versagen. Aus gutem Grund. Bereits der Verdacht einer Straftat und die mit einem Ermittlungsverfahren einhergehenden Folgen bis hin zu Untersuchungshaft wirken sich für die Beschuldigten existenzvernichtend aus.

Das reine Abbrennen eines Bengalos soll nun nach der Vorstellung Beuths durch eine Änderung des Sprengstoffgesetzes mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr bestraft werden, er geht damit von einem Verbrechenstatbestand aus unter der Suggestion, dass „Bengalos“ heute straffrei seien, was nicht der Fall ist. Pyro wird heute schon (hart) bestraft.

Mehr Verletzte durch Pfefferspray als durch Bengalos

Unbeachtet lässt Beuth, dass ein bengalisches Feuer, das in der Hand bleibt, genauso wenig ein „lebensgefährliches“ Wurfgeschoss ist, wie das scharfe Küchenmesser, das die Gurke schält, ein „lebensgefährliches“ Werkzeug ist. Erst, wenn das Messer gegen einen Menschen verwandt wird, wird es zum gefährlichen Werkzeug. Erst wenn das bengalische Feuer die Hand verlässt, etwa wenn es aus Sorge vor Entdeckung „weggeschleudert“ wird, wird es gefährlich. In den vergangenen 150 Jahren hat die Rechtsprechung nie ernsthaft Probleme gehabt, zwischen dem Küchenmesser und gefährlichen Werkzeugen (die zur Waffe werden können) zu unterscheiden. Warum sollte das bei Bengalos anders sein?

Unter den relativ wenigen Verletzungen, die die ZIS meldet, stellen solche durch Pyrotechnik nur einen Bruchteil dar. 53 Fälle gab es in der vergangenen Saison in den ersten drei Ligen, in der Bundesliga nur zehn (bei 23 Millionen Zuschauern jährlich). Eine deutlich höhere Zahl von Verletzungen hingegen geht auf Pfefferspray zurück, das von der Polizei abgefeuert wird (und auch Polizeibeamte verletzt). Sicher ist jeder Verletzte zu viel – zumal es Mittel und Wege gibt, die Verletzungsgefahr durch Pyrotechnik (ohne Strafe) deutlich zu senken – die Legalisierung und Regulierung. In Österreich und Norwegen ist der Einsatz von Pyrotechnik in bestimmten Stadionbereichen nach Anmeldung erlaubt; in Dänemark wird seit 2017 der Einsatz sogenannter Kaltpyrotechnik erprobt, von Bengalos, die mit einer Temperatur von 80 bis 100 Grad brennen. Zum Vergleich: Eine Wunderkerze bringt es auf 1000 Grad.

Bereits 2011 haben 50 Ultragruppierungen verschiedener Vereine den Dialog mit dem DFB gesucht und eine kontrollierte Freigabe von Pyrotechnik angeregt. Ein Gutachten, das der DFB seinerzeit in Auftrag gab, sah das ganz ähnlich: Der „begrenzte Einsatz von Pyrotechnik in Fußballstadien“ sei unter „einschränkenden Voraussetzungen möglich“. Davon wollten aber weder DFB, noch die DFL etwas wissen. Ultras stellten schon damals ein gut eingeübtes Feindbild dar. Kein Sportberichterstatter, dem nicht wenigstens einmal wöchentlich der berühmte Satz entfährt: „Was hat das noch mit Fußball zu tun?“

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