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Wiesbaden Fälschern auf der Spur

Harald Müller prüft in Wiesbaden mit Mikroskop und Röntgenstrahlen, ob Kulturgüter echt sind. Dabei erweist sich eine Bronze aus dem ersten Jahrhundert schon mal als falscher Augustus.

Harald Müller
Echtheit kann man nicht beweisen, nachweisen lassen sich nur Fälschungen, sagt Harald Müller, hier in seinem Labor in Nordenstadt. Foto: Michael Schick

Augustus schaut so aus, wie man sich einen römischen Kaiser vorstellt: Markanter Kopf, Löckchen auf der Stirn, der Blick gebieterisch. Ein Schweizer Sammler hatte den angeblich aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammenden Bronzekopf für eine dreiviertel Million Dollar erworben. Jahre später landete der Kopf im Materialprüfungsinstitut von Harald Müller in Wiesbaden-Nordenstadt. Es hatten den Eigentümer Zweifel an der Echtheit beschlichen. Müller fand heraus, dass Augustus zwar aus altem Material bestand, das allerdings in den 1980er Jahren neu gegossen worden war. Die Korrosion an der Oberfläche war nur vorgetäuscht. Seitdem heißt der Kopf „der falsche Augustus “. Ein Foto von ihm hängt in Müllers Büro. Daneben einige weitere Abbildungen von Kunstgegenständen, die er als Fälschungen überführt hat. Etwa ein Gemälde, das von einem Künstler der russischen Avantgarde stammen sollte. Da stimmten die verwendeten Pigmente nicht.

Gerade beschäftigt sich die Sonderausstellung „Mit Kennerblick und Adlerauge“ im Mainzer Dommuseum mit Kunstfälschungen. Für den Materialwissenschaftler Müller, der zu dieser Ausstellung einen Vortrag hielt, ist das Entlarven der Fälschungen von Kunst, Kulturgütern und Antiquitäten seit den 1990er Jahren ein Thema. Kennengelernt hat er das Arbeitsfeld, nachdem sich die Zentrale Analytik der Hoechst AG, die sich zu einem führenden Labor auf diesem Feld entwickelt hatte, auflöste und Müller den Themenbereich bei einer Hoechst-Tochter weiterführte. 2010 gründete der studierte Physiker aus Dresden das Institute for Materials Science and Authenticity Testing. Zu seinen Kunden gehören Fachleute in Museen, Auktionshäusern und Galerien sowie private Sammler. Seine Aufgabe ist es, die Echtheit der Objekte zu überprüfen, wobei für ihn Echtheit nur bedeutet, dass die dem Objekt zugeschriebenen Eigenschaften echt sind. Ist dies wirklich ein Werk von van Gogh? Stammt es aus einer bestimmten Epoche? Im Blick hat er nur das Material. Kunsthistorische Fragen beantwortet er nicht.

„Dies ist eine wunderbare Verknüpfung von Kunst und Kunstgeschichte mit Technologiegeschichte und Naturwissenschaften“, erklärt Müller. Er ist so etwas wie ein Detektiv, der sich mit naturwissenschaftlicher Präzision auf die Spur von Indizien begibt. Gab es dieses Material zur angegebenen Entstehungszeit am angegebenen Ort? War das Herstellungsverfahren schon bekannt?

Entdeckt er ein Indiz, das nicht schlüssig ist, packt ihn der Ehrgeiz. Auf einem Schmuckstück aus Goldblech, das 3000 Jahre alt sein und aus einer südamerikanischen Kultur stammen soll, waren es helle, silbrige, kleine Spots unter dem Lichtmikroskop, die Müller stutzig machten. Unter dem Elektronenmikroskop stellte er fest, dass der Kern des Objekts aus Silber war, über das Betrüger eine hauchdünne Goldschicht gezogen hatten. Das war der Beweis, dass es sich um ein neuzeitliches Stück handelte, für das der Besitzer laut Müller so viel wie für einen Wagen der oberen Mittelklasse bezahlt hatte. Eine vorherige Analyse hatte den Fehler nicht erkannt. Was Müller ärgert, ist, dass er ganz einfach zu entdecken gewesen wäre, wenn das Volumen errechnet und mit der Dichte für Gold verglichen worden wäre. „Es hätte doppelt so schwer sein müssen“, erklärt er.

Zu seiner Detektivarbeit gehört auch das Sammeln von Informationen zu dem Objekt; zusammengenommen müssen sie ein plausibles Bild ergeben. „Echtheit kann man nicht beweisen, nur widerlegen“, sagt Müller. Ist das Ergebnis schlüssig, ist der 64-Jährige zufrieden. „Das hat auch was mit Ästhetik zu tun.“ In dem Fall des Schmucks aus Südamerika konnte der private Sammler den Kauf mit einem renommierten internationalen Kunsthandel rückabwickeln.

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