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Trickbetrüger vor Gericht Opfer vergibt falschen Polizisten

Aus dem Gericht: Eine 82 Jahre alte Frau verliert Geld und Schmuck an falsche Polizisten, gewinnt dem Ganzen aber auch etwas Positives ab.

Justizia
Justizia ist wachsam (Symbolbild). Foto: imago

Auf Walburga L. will der Begriff „Opfer“ nicht so recht passen. Die 82-Jährige präsentiert sich vor dem Amtsgericht in einer geistigen Frische, um die sie manch Teenager zu Recht beneiden dürfte. Und dennoch wurde die patente Dame im November 2016 von Trickbetrügern übers Ohr gehauen – wenn auch nicht von Eyüp K. (31) und Tayfun K. (30), die die Anklagebank drücken. Die wurden eher von Walburga L. aufs Kreuz gelegt.

In besagtem November bekam Walburga L. einen Anruf, auf dem Display erschien die Nummer der Polizei. Walburga L. kennt sich mit Polizisten aus, einer ihrer Enkel ist ein echter. Ein angeblicher Kommissar Thielmann erklärte ihr in breitestem Fränkisch, ihr Haus in Bad Homburg befinde sich auf der Liste einer rumänischen Einbrecherbande, Vorbeugung tue not. Kommissar Thielmann schien bestens informiert, die Telefonnummer stimmte anscheinend, das Fränkische erinnerte sie beruhigend an ihren Schwiegersohn. Ein paar Anrufe später – „Sie sind wie in Trance, wenn sie von morgens bis abends belämmert werden“ – war die Dame weichgekocht. Ein Codewort wurde ausgemacht, und kurz darauf nahm ein vermeintlicher Kollege von Kommissar Thielmann Bargeld, Schmuck und Gold im Wert von gut 40.000 Euro entgegen.

Die Dame riecht Lunte und geht zur echten Polizei

Und Kommissar Thielmann blieb dran. Er rief am nächsten Tag erneut an, bedankte sich für die Zusammenarbeit und bat um Mithilfe bei der Festnahme der Einbrecherbande, die vermutlich mit Walburga L.s Bankberater, dessen Namen er tatsächlich kannte, unter einer Decke stecke. Daher solle sie eine größere Summe bei der Bank abheben. Natürlich kein Sterbenswort zum Bankberater. Und auch nicht an ihre Familie – ihr Telefon werde vermutlich abgehört. Jetzt aber roch die Dame Lunte, ging zur echten Polizei, hob zum Schein 22.000 Euro ab, und kurz darauf klickten bei den angeblichen Zivilbeamten Eyüp und Tayfun K., die auf Kommissar Thielmanns Geheiß das Geld sichern sollten, die Handschellen.

Es traf nur Handlanger. Die beiden Angeklagten versichern recht glaubhaft, sie seien lediglich angeheuert worden, um bei der alten Dame ein Paket abzuholen. 300 Euro hätten sie als Lohn erhalten sollen. Ihnen sei schon klar gewesen, dass da ein krummes Ding laufe, nicht aber dessen Ausmaß. Ihre Hintermänner wollen sie nicht nennen – aus Angst. „Ich habe eine Großfamilie“, sagt Eyüp K. Kommissar Thielmann sei zuzutrauen, diese zur Kleinfamilie zu machen. Am Ende werden die beiden zu einem Jahr beziehungsweise zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, sie müssen je 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten – in der Altenpflege. Beide bitten Walburga L. um Vergebung.

Und die vergibt. „Ist in Ordnung. Es wäre schön, wenn Sie so etwas nie wieder machen. Ich bin Christin und möchte niemanden reinreiten. Obwohl – Pest und Cholera könnte man Ihnen schon an den Hals wünschen.“ So huldvoll die Gnade, so schrecklich der Zorn der alten Dame. „Ich hatte so einen Zorn auf mich selbst.“ Weil sie sich so habe nasführen lassen. „Aber Zorn macht mutig.“

Und die Sache habe auch ihr Gutes. Geld und Schmuck sei perdu, aber nach der Tat habe sie ihre Familie um sich versammelt und sich als Opfer eines Trickbetrugs geoutet. „Auch du, Oma?“, habe ihr ungläubiger Polizistenenkel ihr die Caesar-Frage gestellt. Seitdem sehe sie ihre Familie noch öfter als davor. Mit ihrer Tochter besuche sie Schmuck-Auktionen, um die geraubten Pretiosen so gut es gehe zu ersetzen. Das könne kein Geld der Welt kaufen. Am Hungertuch nage sie auch nicht. „Mein Mann war Weltraumforscher.“

Und Betrug macht klug. Vor zwei Tagen erst, berichtet die Dame, habe sie mal wieder ein Enkeltrickbetrüger angerufen. Vermutlich Fluch des Vornamens. „Hallo“, habe eine unbekannte Stimme geflötet, „wie geht es dir?“ „Jedenfalls besser als dir“, habe sie geantwortet. Und aufgelegt.

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