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Schwalbach Familienvater als Serienmörder

Der mutmaßliche Serienmörder aus Schwalbach, Manfred Seel, hat höchstwahrscheinlich mindestens fünf Prostituierte getötet - und womöglich den 13-jährigen Tristan.

Bilder von Manfred S., dem mutmaßlichen Serienmörder aus Schwalbach, an einer Stellwand während einer Pressekonferenz im Landeskriminalamt in Wiesbaden. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Manfred Seel war ein „ganz normaler Familienvater“. Ein Mann, der nicht sonderlich auffiel. Der erst als Entrümpler arbeitete, später einen kleinen Gartenbaubetrieb führte, Frau und Tochter hatte, ein Instrument in einem Orchester spielte und auf dem zweiten Bildungsweg studierte. „Wir wären normalerweise nicht auf ihn als Täter gekommen“, sagte Frank Herrmann, leitender Ermittler bei der Frankfurter Polizei. Doch Manfred Seel aus Schwalbach am Taunus, der im Sommer 2014 gestorben ist, war höchstwahrscheinlich für eine grausame Mordserie im Rhein-Main-Gebiet verantwortlich. Und womöglich ist er auch der Mörder des mit 13 Jahren getöteten Tristan Brübach.

Doch im Fall Tristan gaben sich die Ermittler am Donnerstag beim Landeskriminalamt wesentlich bedeckter als bei den anderen fünf Tötungsdelikten im Zeitraum zwischen 1971 und 2003, für die Manfred Seel „höchstwahrscheinlich“ verantwortlich ist. Tristan, ein Junge in der Pubertät, passt ganz und gar nicht zu den anderen Opfern, die allesamt Prostituierte waren. Und: Auf einem Schulheft des Jungen war ein blutiger Fingerabdruck gefunden worden. Nachdem der Leichnam von Manfred Seel exhumiert wurde, konnten die Ermittler noch die Abdrücke von sechs Fingern nehmen. Eine Übereinstimmung mit der Spur auf dem Heft gab es nicht.

Die Art, wie Tristan zugerichtet wurde, passt hingegen genau ins Bild. Sämtlichen Opfern fehlten Körperteile. Sie wurden überwiegend nach dem Tod entfernt, im Fall der zuletzt getöteten Prostituierten könnte der Täter auch vor ihrem Tod Organe aus dem Körper geschnitten haben. Weiter ins Detail wollte die Polizei nicht gehen. Ermittler Herrmann sprach nur noch davon, dass in allen Fällen auch Kannibalismus möglich sei.

Die Polizei war Seel erst auf die Spur gekommen, als er schon einige Wochen tot war. Seine Tochter entdeckte in zwei Mülltonnen die Leichenteile einer seit 2003 vermissten Frau. Kurze Zeit später fanden die Ermittler auf dem Computer des Verdächtigen 32 000 Fotos aus dem Bereich der härtesten Gewaltpornografie. Daraufhin sei klar gewesen, dass Seel hochgradig sadistisch veranlagt gewesen sei und zur sexuellen Befriedigung gehandelt habe. Von diesem Moment an ging die Polizei davon aus, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hat. „Solche Taten kommen isoliert kaum vor“, so Herrmann. In der Folge bildete das Hessische Landeskriminalamt (LKA) eine Arbeitsgruppe und untersuchte alle ungeklärten Mordfälle, die es in den vergangenen Jahrzehnten in Frankfurt und Umgebung gab. Zumindest vier weitere Tötungsdelikte ordnet die Polizei Manfred Seel zu. Zwei Opfer starben 1971, jeweils eins 1991 und 1993.

Die deutlichsten Hinweise auf Seel sieht die Polizei bei den beiden Frauen, die 1971 im Abstand von zwei Monaten getötet wurden. Beide arbeiteten im Johanna-Kirchner-Altenzentrum im Frankfurter Gutleutviertel, in dem zur selben Zeit Manfred Seel ein- und ausging, um Haushalte von verstorbenen Bewohnern aufzulösen. Teile des Leichnams einer der Frauen wurden im Februar 1971 am Heiligenstock an der Grenze zwischen Frankfurt und Bad Vilbel gefunden. Körperteile ihrer Kollegin entdeckte die Polizei im April an der Camberger Brücke zwischen Gutleut und Gallus.

Bei den nächsten Taten, die die Polizei Seel jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit zuschreibt, wurden die Leichenteile in einem Wald bei Hofheim (Juni 1991) und in einem Gebüsch an der Friedberger Landstraße gefunden (Dezember 1993). Dass er zwischenzeitlich keine Morde begangenen hat, sei zumindest denkbar, sagte Frank Herrmann. Serientäter träten oft jahre- oder jahrzehntelang nicht in Erscheinung. Aber: Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass es in dieser Zeit oder auch nach 1993 weitere Opfer gab.

In der Kartei der Polizei finden sich jedenfalls mehrere Vermisstenfälle. So verschwanden zwei Prostituierte aus Frankfurt 1998 und 1999. Ungeklärt ist auch ein Tötungsdelikt aus dem Jahr 1996. In einem Kleingarten in Oberrad wurde der Schädel einer Frau gefunden, die allerdings keine Prostituierte war. Und 2004 entdeckte die Polizei an der Staustufe Offenbach einen weiblichen Kopf. Bislang wurde die Frau nicht identifiziert.

Für alle diese Taten könnte Manfred Seel verantwortlich sein. Aber eines betonte LKA-Präsidentin Sabine Thurau am Dienstag: „Die Unschuldsvermutung gilt auch nach dem Tod noch.“ Auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung wurde Seel am Donnerstag als „Deutscher Jack the Ripper“ bezeichnet.

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