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Rotlichtmilieu Sechs Leichen im Bordell

Vier Prostituierte und das Betreiber-Ehepaar werden in einem Bordell im Frankfurter Westend erdrosselt. Der Sechsfachmord im Rotlichtmilieu geschah vor 20 Jahren. Der Täter, der nur wenige Tage nach den Morden festgenommen wird, sitzt immer noch in Haft. Sein Motiv: Habgier.

14.08.2014 08:20
Angestellte eines Bestattungsinstituts tragen im August 1994 eine der Leichen aus dem Bordell in Frankfurt, in dem sechs Menschen ermordet wurden. Foto: Katja Lenz/dpa

Einziger Zeuge des Sechsfachmords in einem Frankfurter Bordell war ein schwarzer Pudel-Mischling. Vier Prostituierte sowie das Betreiberpaar des Privatclubs sind in der Nacht zum 15. August vor 20 Jahren in dem Sex-Club im noblen Westend mit Elektrokabeln erdrosselt worden - eine der größten Bluttaten am Main seit Kriegsende. "So einen spektakulären Mordfall hatten wir im Rotlichtmilieu nur mit der (Rosemarie) Nitribitt", sagt der frühere Polizeisprecher Peter Borchardt. Die Prostituierte war 1957 ermordet in ihrer Wohnung gefunden worden - der Täter wurde nie überführt.

Ein Freier informierte die Polizei am 15. August 1994 kurz vor Mittag am Telefon über eine Leiche in dem Bordell im Kettenhofweg. Der Mann hatte mit zwei Prostituierten vor verschlossener Tür gestanden und die Schwiegermutter des Bordellbetreibers herbeigerufen, auf deren Name das Etablissement lief, in dem vorwiegend gut situierte Stammgäste anzutreffen waren. Die Polizisten finden in dem mehrstöckigen Gründerzeit-Haus kurz darauf noch fünf andere Leichen. Alle liegen auf dem Gesicht, einige Frauen sind unbekleidet, einige geknebelt.

"Es war gespenstisch am Tatort", erinnert sich Borchardt. Die Leichen waren überall im Gebäude verteilt. "Einige lagen zugedeckt im Bett, es sah aus, als ob sie schliefen." Die Nachricht von dem rätselhaften Sechsfachmord verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Über Organisierte Kriminalität, ein Killerkommando und die Russen-Mafia wird spekuliert. "Wobei Russen-Mafia damals nicht definiert war", sagt Borchardt. Die ermordeten Prostituierten waren jedoch Russinnen, und die Strangulation mit Elektrokabeln wurde als "osteuropäische Handschrift" gesehen.

Besondere Schwere der Schuld

Von einer 24 Jährigen, die auch in dem Bordell gearbeitet hatte, fehlt zunächst jede Spur. Wenige Tage nach den Morden wird sie zusammen mit ihrem Mann (26) in einem Wohnheim für Spätaussiedler in Rettenbach im Allgäu festgenommen. Eine Spezialeinheit der Polizei überrascht das Paar aus Moldawien im Schlaf und nimmt es widerstandslos fest. Die Polizei hatte sich bei einer Observation des Frankfurter Bordells die Autonummer aufgeschrieben.

Die Verdächtigen hatten bei ihrer Festnahme Tatwerkzeug und Teile der Beute bei sich, darunter die goldene Armbanduhr des Bordellbetreibers und rund 20.000 Mark (etwa 10.000 Euro). "Die Spekulationen hatten sich nicht bewahrheitet. Es war eine reine Habgier-Geschichte", sagt Borchardt.

In einem der größten Mordprozesse der Bundesrepublik verurteilte das Frankfurter Landgericht knapp zwei Jahre später den Mann zu lebenslanger Haft und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Der ehemalige Koch, Soldat und Leibwächter sitzt noch immer im Gefängnis. Seine Frau, die ihren Mann für den Diebstahl eingelassen, mit den Morden aber nichts zu tun hatte, erhielt wegen schweren Raubes sechs Jahre Haft. Ihre Strafe hat sie längst abgesessen, sich scheiden lassen und ein neues Leben aufgebaut, wie ihr damaliger Anwalt sagt.

Gestanden hatte der Verurteilte nicht. Seine Version, vier russische Mafiosi hätten wegen finanzieller Differenzen mit dem Bordellbetreiber die Prostituierten entführen wollen, hielt die Kammer für "geradezu abenteuerlich". "Wenn die Mädchen rausgeholt werden sollten, ist es völlig unverständlich, warum sie getötet wurden", sagte der Vorsitzende Richter Ulrich Baltzer bei der Urteilsverkündung. Zur "Legende vom Verbrechen der Russenmafia" habe neben der Schilderung des Angeklagten auch die allgemeine Vorstellung beigetragen, ein Mensch könne nicht innerhalb weniger Stunden sechs Menschen erdrosseln, erinnert er sich.

Blutspuren an der Kleidung

In dem sechs Monate währenden Verfahren wurden mehr als 50 Zeugen vernommen und zehn Sachverständige gehört, wie Baltzer berichtet. "Die gesamte Palette der Kriminaltechnik wurde vorgeführt, die damals noch in der Endphase der Entwicklung war", sagt Anwalt Jochen Bremer.

Dabei fanden sich an allen Leichen Fasern, die mit denen einer Maske des Angeklagten übereinstimmten. An seiner Kleidung entdeckten die Experten Blutspuren einer Ermordeten und an einer Leiche Blutspuren des Täters. Der Mann trug zudem Habseligkeiten der Opfer sowie einen Schlüssel bei sich, der zu einer der abgeschlossenen Zimmertüren passte, hinter denen eine Ermordete lag.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass das erst wenige Monate vor der Tat nach Deutschland übergesiedelte Paar wegen seiner finanziellen Notlage zunächst einen schweren Raub bei den Bordellbesitzern geplant hatte. Bei der Tat sei der Mann gestört worden - und so aus dem Raub ein sechsfacher Mord geworden. (dpa)

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