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Radiopiraterie Bis zu zehn Hörer auf einmal

Zwei Radiopiraten aus Leidenschaft stehen wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht vor dem Amtsgericht.

Symbolfoto Gericht
Justitia ist wachsam (Symbolfoto). Foto: Sascha Rheker

England, 1964: Aus Protest gegen die müde Musikauswahl der BBC besetzt der Musiker Screaming Lord Sutch den verlassenen Geschützturm Shivering Sands vor der britischen Küste. Der von ihm von dort ausgestrahlte Piratensender ist ein Riesenerfolg und wird die britische Musikgeschichte nachhaltig aufschrecken. Einen Invasionsversuch der britischen Marine wehrt der Lord mit der Androhung des Einsatzes siedenden Frittenfetts ab.

Deutschland, 2015: Henry Z. und Heiner R. haben mit ihrem Piratensender „darkstar.com“ vielleicht nicht die Musikwelt aufgeschreckt. Dafür aber die Frankfurter Staatsanwaltschaft. Sie wirft den beiden Verstoß gegen das Urheberrecht vor. 214 Titel sollen sie durch den Äther gejagt haben, ohne die Gema daran zu beteiligen. Laut Anklage bot der Piratensender einen „Querschnitt aus der populären Musik“. Henry Z. ist 56 Jahre alt. Früher hat er mal im Marketing gearbeitet, aber seit zwölf Jahren leidet er an einer schweren Knochenkrankheit. Der alleinerziehende Vater zweier Töchter sitzt im Rollstuhl, Pflegestufe 3. „Dieses Miteinandersein, das Nichtmehralleinesein …“ – das sei sein Motiv gewesen, Onlineradiomacher zu werden.

Bereits 2010 habe er damit angefangen, schnell sei es zu seiner Leidenschaft geworden. Alle Musiktitel, die er gespielt habe, stünden „auch als gekaufte Originale im Plattenschrank – wie sich das gehört“. Er selbst besitze um die 500 Platten und CDs, und er habe eine 17-jährige Tochter, „die hört eh alles Mögliche“. Zusammen mit drei, vier Freunden habe er das Radio als Wochenendhobby betrieben. Und als Reha-Maßnahme: „Wir hatten einen DJ in Berlin, der hat keine Beine.“ Aber genau wie ihm selbst habe dem das Radiomachen Flügel verliehen. Ums Geldverdienen sei es nie gegangen, versichert Henry Z. glaubhaft. Ihr Stream habe maximal 50 Hörer erlaubt, diese Grenze aber nie erreicht. „Einmal hatten wir zehn Hörer auf einmal“, sagt er, und er sagt es voller Stolz. Den Namen seines Radios hat sich Z. damals auf den Leib tätowieren lassen.

120 Euro an die Tafel zahlen

„Es war doch sein Herzblut“, sagt Heiner R. auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Heiner R., 38 Jahre alt und Briefträger, ist nicht nur Freund von Henry Z., sondern auch dessen Pfleger. Er hat das Hobby seines klammen Freundes finanziert. Und manchmal auch den DJ gegeben. Und nachweislich auch immer brav Gema-Gebühren gezahlt. Bis ein Freund sie 2012 auf einen kanadischen Anbieter aufmerksam gemacht habe, der eine billige Plattform anbot. Und sich angeblich auch um die Gema kümmern wolle. Alles „ganz legal“. Dieses Versprechen haben die beiden sogar schriftlich. Falsch war es trotzdem.

Angesichts der Knuffigkeit der beiden Angeklagten, die hörbar in Frankfurt geboren und aufgewachsen sind, und des Nichtvorhandenseins von krimineller Energie schmilzt selbst der stählerne Verfolgungswille des Staatsanwalts. Und die Kammer hat die beiden sowieso lieb. Das Verfahren wird eingestellt. Henry Z. muss 120 Euro an die Frankfurter Tafel zahlen. Mehr ist nicht drin. Heiner R. muss 60 Stunden gemeinnützig arbeiten. Als er erfährt, dass das auch bei Eintracht Frankfurt möglich ist, weint er fast vor Glück.

Als Screaming Lord Sutch 1999 den Freitod wählte, sagte Tony Blair, man werde den Musiker und Radiopiraten „schmerzlich vermissen“. Bis zu zehn Hörer vermissen jetzt schon Henry Z.s ebenso leidenschaftliche wie leider illegale Liebe zum Radio.

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