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Prozessaufakt Angeklagter will Aussagen

Nach 19 Jahre muss sich Rick J. für den Tod des achtjährigen Mädchens verantworten.

Auftakt Mordprozess Johanna Bohnacker
Der Angeklagte wird mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Foto: dpa

Es muss ein schwerer Gang für Gabriele Bohnacker gewesen sein. Am Freitagmorgen in Gießen trifft sie erstmals auf den Mann, der vor 19 Jahren ihre Tochter Johanna getötet hat. Gefasst lässt die Frau die Fotografen und Fernsehteams ihre Arbeit machen. Doch als der Angeklagte hereingeführt wird, bittet sie, die Aufnahmen einzustellen.

Rick J. heißt der Mann, der bereits ein Teilgeständnis abgelegt hat. Am 2. September 1999 hat er die achtjährige Johanna in Ranstadt-Bobenhausen im Wetteraukreis entführt und umgebracht. Er behauptet es sei ein Unfall gewesen. Ob er die Wahrheit sagt, soll der Prozess am Gießener Landgericht klären, der am Freitag begonnen hat. Die Anklage wirft ihm sexuellen Missbrauch vor, der durch den Mord vertuscht werden sollte.

Detaillierte Aussage im Mai

Gedrungene Gestalt, rostrotes Kurzarmhemd, Brille. Die langen dunklen Haare sind zu einem Zopf gebunden. Mit gesenktem Kopf verfolgt der 42-Jährige die Verlesung der Anklageschrift von Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger. Detailliert aussagen werde sein Mandat beim nächsten Verhandlungstag am 9. Mai, kündigt Verteidiger Uwe Krechel anschließend an. Später im Gerichtsflur wird er der Presse mehr erzählen über den gebürtigen Bad Nauheimer, der nach Auffassung der Anklage den Tod Johannas leichtfertig in Kauf genommen hat, um seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen. 

Am 2. September habe Rick J. das Mädchen mit den langen blonden Haaren auf einem Radweg an einer Brücke überwältigt und „zum Ausleben seiner pädophilen Neigungen“ mit Chloroform betäubt, so der Staatsanwalt. Nach einem Tankstopp in Nidda habe er das Kind irgendwo im Freien aus dem Kofferraum seines VW-Jettas geholt, entkleidet und sich an ihm vergangen. Mund und Augen habe er ihm mit Panzerband beklebt. Den Kopf der Kleinen 29 Mal mit 15 Metern Paketklebeband so fest umwickelt, dass sie starb. 

Und das ist nicht das einzige Vergehen, für das Rick J. in Gießen angeklagt ist. Bei der Festnahme in seiner Wohnung in Friedrichsdorf fand die Polizei auf dem Computer Unmengen kinderpornografischen und jugendpornografischen Materials. Der Besitz ist strafbar.

Dann spricht Verteidiger Krechel. Er zeigt sich empathisch. Mit einer schriftlichen Erklärung wolle er „die schwerwiegende Belastung“ für die Familie mindern. „Im Vordergrund steht das Schicksal Johannas“, sagt der Bonner Rechtsanwalt, der jahrelang in einer TV-Gerichtsshow auftrat und über seine spektakulären Prozesse ein Buch geschrieben hat. Rick J. stehe zu seiner „moralischen und juristischen Verantwortung“. Die Tat seines Mandanten wiege so schwer, dass er sich dafür nicht entschuldigen könne. Der 42-Jährige werde den Prozessbeteiligten am nächsten Verhandlungstag „voll umfänglich zur Verfügung stehen“.

Kein Mord, sondern tödliche Körperverletzung?

Später im Gerichtsflur malt der Bonner Anwalt das Bild eines Angeklagten mit massiven Drogenproblemen. Zeitweise sei er „vollgepumpt“ gewesen mit Ecstasy, Speed, LSD. Finanziert habe er seine Sucht durch das Erbe seiner Mutter und einen bescheidenen Lebensstil. Seine sexuelle Orientierung sei nicht klar erkennbar. Deshalb seien viele der insgesamt rund 70 potentiellen Zeugen ja Sachverständige. Der Tod Johannas sei kein Mord sondern eine „Körperverletzung mit Todesfolge“, versichert der Jurist den Medienvertretern. „Da ist was schiefgelaufen.“ Das Mädchen habe geschrieen, da habe sein Mandant ihr den Handballen gegen die Nase gehauen. Daran sei sie gestorben. Das Gegenteil zu beweisen werde schwierig, sagt er. Die Überreste der Leiche wurde erst sieben Monaten später in einem Waldstück bei Alsfeld im Vogelsbergkreis gefunden worden. Zerfressen von Tieren. 

Gleich zum Prozessauftakt deutete sich an: Die zwölf angesetzten Verhandlungstage reichen womöglich nicht aus, um die Wahrheit zu finden. Eine harte Zeit für Nebenklägerin Gabriele Bohnacker.

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