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Prozess in Hanau Haft für Verstümmelung

2. UpdateEin Mann entstellt einen anderen mit Stichen, Schnitten und Bissen ins Gesicht. Der Staatsanwalt fordert beim Prozess in Hanau die Höchststrafe. Das Opfer ist seit dem Angriff nahezu blind.

Prozess um Gesichtsverstümmelung
Der Grund für die brutale Tat, die Dawit W. beging, blieb unklar. Foto: Jörn Perske (dpa)

Ein „gebeugter, vorgealterter Mann“, fast ohne Augenlicht, sei Mustafa H. jetzt, „für immer auf Hilfe angewiesen“. Er habe viele äußerst schmerzhafte Operationen hinter sich und weitere vor sich; alle Zukunftschancen seien ihm genommen worden.

Als Richter Peter Grasmück aufzählt, welche Konsequenzen jener Abend im Oktober 2016 für das Opfer, den 20-jährigen H. hat, senkt der aus Eritrea stammende Dawit W. nur den Kopf und zeigt sonst keine Regung. Weshalb hat er das getan? Die Frage konnte auch der Revisionsprozess vor dem Landgericht Hanau nicht beantworten. Dass W. der Täter ist, steht außer Frage. Wegen gefährlicher und beabsichtigter schwerer Körperverletzung verurteilte ihn die erste große Strafkammer am Donnerstag zu zwölf Jahren Haft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass W. – nach eigenen Angaben 21 Jahre alt, laut Gutachten aber mindestens 27 – nach einem Streit in seiner Wohnung in Schlüchtern Mustafa H. in den Hals stach. Er verfehlte nur knapp die Luftröhre. „Dass H. überlebte, war purer Zufall“, so Grasmück.

Nachdem der 20-Jährige wieder auf die Beine gekommen war, folgte ein längerer Kampf. Darauf deuten die Blutspuren sowie die Hämatome, die W. erlitt, hin. Nachdem er den Somalier endgültig überwältigt hatte, setzte er sich auf ihn, schnitt ihm die Augenlider sowie Teile der Ohren ab und malträtierte die Augen. Eine Nachbarin hörte Gepolter und Schreie und rief die Polizei, die H. schließlich befreite.

Die zweite große Strafkammer hatte W. 2017 wegen versuchten Totschlags sowie schwerer und gefährlicher Körperverletzung zu neuneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Der BGH hob die Entscheidung auf. Nach seiner Auffassung war zu klären, ob W. die ganze Zeit in der Absicht zu töten handelte oder diese aufgab.

Die erste große Strafkammer ist von Letzterem überzeugt: Nach dem Stich in den Hals habe Dawit W. zunächst von Mustafa H. abgelassen. Als sie dann kämpften und W. dem Geschädigten später im Gesicht herumschnitt, habe er H. gequält, aber nichts getan, das aufs Töten ausgerichtet gewesen wäre. Deshalb kein Totschlag.

Staatsanwalt  spricht von „beispiellosem Sadismus“

Die Geflüchteten hatten sich in einer Jugendhilfeeinrichtung kennengelernt. Am Tatabend spielten sie zusammen Playstation. Dabei habe H. ihn verhöhnt, gegen seine Halskette mit Kreuz geschlagen und so provoziert, sagte der Angeklagte. War das wirklich der Auslöser? Zwischenzeitlich war von Streit um Geld und enttäuschter Liebe als möglichen Motiven die Rede, doch für beides gibt es keine Beweise.

Staatsanwalt Mathias Pleuser forderte 15 Jahre Gefängnis. Pleuser sprach von „beispiellosem Sadismus“ und „einer der schrecklichsten Taten, die in diesem Saal verhandelt wurden“. W. sei bei den Schnitten, die er seinem Opfer zufügte, akribisch und präzise vorgegangen, habe bei vollem Bewusstsein gehandelt. Der 20-Jährige sei jetzt „nur noch eine Hülle“, ohne Lebensfreude.

Verteidiger Ulrich Will beantragte weniger als neuneinhalb Jahre Haft. Die Tat sei furchtbar, er wolle sie in keinster Weise kleinreden, so Will. Die Gründe seien aber weiter unklar. W., der wohl eine traumatische Flucht hinter sich habe, sei kein Monster. Seine Persönlichkeit sei gestört, er brauche Hilfe. Will kündigte an, Berufung einzulegen. Pleuser prüft dies, tendiert aber dazu, das Urteil zu akzeptieren, auch im Sinne des Rechtsfriedens.

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