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Prozess in Frankfurt Vom Totschläger zum Titelhändler

Ein Betrüger, der anderen Betrügern zum Doktortitel verholfen hat, muss sich vor dem Landgericht Frankfurt wegen des Missbrauchs akademischer Titel verantworten. Der 49-Jährige hat ein langes Vorstrafenregister.

Gerichtszentrum Frankfurt
Das Gerichtszentrum Frankfurt. Foto: Peter Jülich

„Es scheint in dieser Gesellschaft – warum auch immer – ein großes Bedürfnis nach akademischen Titeln zu geben“, stellt Mathias S. vor dem Landgericht fest, vor dem er sich wegen des Missbrauchs akademischer Titel verantworten muss. „Ich habe versucht, diesem Bedürfnis auf möglichst legale Weise Rechnung zu tragen.“ Um es vorwegzunehmen: Das hat nicht ganz geklappt.

In den Jahren 2011 und 2012, so die Anklage, verhökerte S. mindestens drei falsche Doktortitel für eine unbekannte Summe an einen illustren Kundenkreis – und fügte dem Ansehen der Akademiker in Deutschland damit schweren Schaden zu. Der Geschäftsmann Jörg B. kaufte sich einen Doktortitel und eine Jagdpacht, schoss fürderhin Fuchs und Hase als Dr. phil. tot und ging gar in einem Artikel der „Gelnhäuser Zeitung“ als promovierter Akademiker durch. Der Geschäftsmann Faustus E. kaufte sich einen Doktortitel und ging anschließend als Dr. Faustus seinen betrügerischen Internetgeschäften nach, für die ihn die Landgerichte Frankfurt und Düsseldorf später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilten.

Der Geschäftsmann Jonas K. kaufte sich einen Doktortitel und erklärte als Dr. K auf zahllosen Podiumsdiskussionen und in Fachzeitschriften Anlegern, wie sie risikofrei ihr Geld vermehren könnten, während er mit einem Kumpel durch das aufgebaute S&K-Immobilienbetrugsimperium einen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe verursachte. Immerhin: Derzeit ist K. als Freigänger echter Student an der Kölner Uni.

Zum ersten Mal als 16-Jähriger vor Gericht

Dafür kann Mathias S. natürlich nichts. Der 49-Jährige, der wie eine etwas schlankere Ausgabe des Internet-Hallodris Kim Dotcom aussieht, will sich zu Person und Anklage nicht äußern, einer seiner Verteidiger liest dafür ein Statement vor. Alle ganz legal, so der Tenor. Ja, S. habe seinen Kunden Doktortitel nebst Urkunden verkauft, aber nicht etwa von der renommierten London School of Economics and Political Science, wie der flüchtige Betrachter meinen könnte, sondern von seinem eigenen ordnungsgemäß angemeldeten Unternehmen „The London School of Economics and Political Science Ltd.“, was ja ganz was anderes sei. Zudem sähen seine Fantasie-Urkunden den echten nicht einmal ähnlich. Das ist wohl auch der Grund, warum S. sich nicht wegen Urkundenfälschung verantworten muss.

Das ist natürlich eine fragwürdige Verteidigungsstrategie, aber Mathias S. ist durchaus gerichtserfahren. Bereits als 16-Jähriger stand er wegen Kreditkartenbetrugs vor dem Jugendgericht, das ihm eine psychische Störung attestierte und einweisen ließ. Die Ärzte konnten zwar keine Geisteskrankheit erkennen, aber immerhin den unerfreulichen Umstand, dass S. Mitpatienten beim Glücksspiel abzog. Wieder in Freiheit, betrog er weiter, nach einer dreijährigen Jugendstrafe wurde er vorzeitig auf Bewährung entlassen. Anfang der 90er besorgte er sich eine Waffe, um seine vermeintlich untreue Freundin dadurch zu bestrafen, dass er ihr Auto und die in der Nachbarschaft geparkten kaputtschoss. Im Dezember ’91 erschoss er offenbar ohne jeglichen Grund einen Obdachlosen im Westend – danach ließ er sich mit dem Taxi in die damalige Flughafendisco „Dorian Gray“ fahren und ballerte mitten in die Tanzfläche. Zwei Frauen wurden schwer verletzt. Als er betrunken und ohne Führerschein in eine Polizeikontrolle geriet, fand der Amok ein vorläufiges Ende. 1995 verurteilte ihn das Landgericht wegen Totschlags zu elf Jahren Haft – im Prozess hatte S. seine Verteidigerin beleidigt und bespuckt und einen Tisch zertrümmert.

So gesehen wirkt die jetzige Anklage eher harmlos, genau wie S. selbst. Zu dem im vergangenen November anberaumten ersten Verhandlungstag war er dennoch nicht erschienen. Das Gericht erließ daraufhin Haftbefehl, obwohl S. dem Vorsitzenden Richter aus allen Teilen der Welt freundliche Postkarten schickte – auch aus Österreich, wo er schließlich festgenommen wurde. Das Gericht hat bislang fünf Verhandlungstage bis Mitte August eingeplant.

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