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Prozess in Frankfurt KZ-Wachmann von Majdanek angeklagt

Ein Frankfurter soll 1943 an einer der größten Massenhinrichtungen der Nationalsozialisten im Vernichtungslager Majdanek beteiligt gewesen sein.

Vernichtungslager Majdanek
Das Konzentrationslager Majdanek in Lublin. Hier haben die Nationalsozialisten Zehntausende Menschen ermordet. Foto: imago

Fast 74 Jahre nach einer Massenhinrichtung im Konzentrationslager Majdanek hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen einen damaligen Wachmann erhoben. Dem 96 Jahre alten Frankfurter werde vorgeworfen zwischen August 1943 und Januar 1944 im Lager Majdanek als Angehöriger der fünften Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns regelmäßig Wachdienst bei den zur Tötung bestimmten Gefangenen geleistet zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit.

Dem Angeschuldigten werde auch zur Last gelegt, am 3. November 1943 eine Massenhinrichtung unter dem zynischen Decknamen „Aktion Erntefest“ unterstützt zu haben, bei dem mindestens 17.000 jüdische Gefangene im KZ Majdanek erschossen wurden. Mit seiner Tätigkeit als Teil einer Postenkette sowie als Turmwache habe der Beschuldigte „einen arbeitsteiligen Beitrag geleistet und die heimtückischen und grausamen Taten wissentlich und willentlich gedeckt“, so die Staatsanwaltschaft.

Größte Massenhinrichtung der Nationalsozialisten

Die „Aktion Erntefest“ gilt als größte Massenhinrichtung des Holocaust. Wegen der einbrechenden Ostfront befürchteten die Nazis Aufstände in den Lagern und entschlossen sich zur Hinrichtung der noch 42.000 Gefangenen in den polnischen Lagern Majdanek, Poniatowa und Trawniki. Der höchste SS-Verantwortliche des Massakers vor Ort, Jacob Sporrenberg, wurde 1952 in Warschau hingerichtet.

Vor deutschen Gerichten kam es bislang kaum zu Prozessen wegen der Massenhinrichtungen in Polen. 1999 verurteilte das Landgericht Stuttgart den Unterscharführer Alfons G. zu zehn Jahren Haft, die aber mit einer zuvor verbüßten Strafe in einem russischen Gulag verrechnet wurden. G. hatte als Zeuge in einem anderen Verfahren eingeräumt, an dem Massaker beteiligt gewesen zu sein. Das Magazin „Spiegel“ hatte 1999 groß über den Fall berichtet. In dem Artikel heißt es: „Strafverfolger vermuten, dass der Stuttgarter Prozess gegen ihn wohl der letzte seiner Art war.“ 18 Jahre später erhebt die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen einen anderen Wachmann aus Majdanek.

96-Jähriger „bedingt verhandlungsfähig“

Die Anklage wurde allerdings erst durch die Vorermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg möglich. Die Behörde hatte vor drei Jahren 28 Verfahren gegen Wachmänner im KZ Majdanek an die zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben. 18 Verfahren wurden eingestellt, weil die Beschuldigten verstarben, fünf wurden als nicht verhandlungsfähig eingestuft, in einem Fall gab es schon eine frühere Verurteilung, in einem Fall konnte keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden und in einem weiteren war der Beschuldigte Österreicher und der Vorwurf nach dortigem Recht verjährt. Es blieben zwei Verfahren: das, in dem jetzt in Frankfurt Anklage erhoben wurde, und eines, in dem die Staatsanwaltschaft Dortmund noch immer ermittelt. Der Leiter der Zentralstelle in Ludwigsburg, Jens Rommel, freute sich über die Anklage. „Es bereitet eine gewisse Genugtuung, dass unsere Vorermittlungen nicht ganz umsonst waren“, sagt Rommel auf FR-Anfrage.

Ein Verhandlungstermin vor der 22. Strafkammer des Landgerichts steht noch nicht fest. Der 96-Jährige sei „bedingt verhandlungsfähig“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Zwei frühere von der Staatsanwaltschaft Frankfurt geführte Verfahren gegen ehemalige Wachmänner in Auschwitz waren kurzfristig geplatzt. Ein 90-Jähriger war nicht verhandlungsfähig, ein 93-Jähriger starb 2016 kurz vor Prozessbeginn in Hanau.

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