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Prozess in Frankfurt Jugendliche Zuhälter lachen sich eins

Von Einsicht oder gar Reue keine Spur: Der Prozess gegen zwei sehr junge Männer, die eine 20-Jährige auf den Strich geschickt haben, macht den Angeklagten großen Spaß.

Strassenstrich an der Messe Frankfurt
Junge Frau auf dem Straßenstrich am Frankfurter Messegelände (Symbolbild). Foto: Boris Roessler (dpa)

Wäre das Leben ein Kindergeburtstag, niemand käme auf die Idee, dass Peter und Pjotr dort die hellsten Kerzen auf der Torte wären. Aber das Leben ist kein Kindergeburtstag, und die beiden sind auch keine Kinder mehr: Peter war zur Tatzeit 19, Pjotr 17, weshalb die beiden in bewährter Tradition wieder vor einer Jugendkammer des Frankfurter Landgerichts stehen.

In dieser Anklage ist für jeden was dabei: Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, versuchter und vollendeter Betrug, Beleidigung, Brandstiftung, Urkundenfälschung ... Überstrahlt aber werden all diese Vorwürfe von dem der geschäftsmäßigen Zuhälterei.

Frau hatte mindestens 15 Freier 

Die beiden Kumpels, die sich in einer Einrichtung für Problemjugendliche kennengelernt hatten, sollen von März bis Juni 2017 eine damals 20-Jährige, die sich durch diverse Handy-Verträge hoffnungslos überschuldet hatte, auf den Strich geschickt haben. In einem Internet-Portal sollen sie die junge Frau angeboten und verkauft haben. Mindestens 15 Freier soll die Frau zum Teil ungeschützt bedient haben, der magere Dirnenlohn in Höhe von 750 Euro wurde komplett von den Angeklagten abgeschöpft. Der Plan, die Frau zur Gewinnmaximierung in einem Laufhaus zu stationieren, scheiterte an der Höhe der dort geforderten Zimmermiete.

Peter gab in diesem Spiel den brutalen Zuhälter, der sein Opfer durch Drohung auch gegen dessen Familie gefügig hielt. Pjotr brillierte als „Loverboy“, der der Frau eine gemeinsame glückliche Zukunft in Aussicht stellte, sobald sie genug angeschafft hätte, um ihre und vor allem seine Schulden zu bezahlen. In der Tat hatte er mit der Frau zuvor eine feste, durch die gelegentliche Verbüßung von Haftstrafen aufgelockerte Beziehung geführt.

Die Frau lässt sich in dem Prozess juristisch als Nebenklägerin vertreten, bleibt dem ersten Verhandlungstag aber fern. Auch ob sie als Zeugin vernommen werden kann, ist noch unklar. Sie führt derzeit einen noch wichtigeren Kampf – den gegen Krebs. Vor wenigen Tagen hat ihre Chemotherapie begonnen.

Und so bestimmt die Verlesung der Anklage weitgehend den ersten Verhandlungstag. Immerhin erfährt man, dass Peter und Pjotr vieles verbindet, aber auch manches trennt. Das letzte Hotelzimmer etwa, dass er verließ, setzte Peter laut Anklage in Brand. Nicht so Pjotr: Der setzte seins unter Wasser. Pjotr schein auch der mit dem größeren Schalk im Nacken zu sein: Als er etwa mal wieder aus einem Jugendheim geflogen war, weil er den dortigen Fernseher geklaut und versetzt hatte, kehrte er nach seinem Rausschmiss als Rächer wieder, schlug mit dem Hammer Löcher in die Wand und füllte diese mit Pizza und Remoulade. Wenn er daran denkt, muss er heute noch lachen – etwa bei Verlesung der Anklage, die ein Permagrinsen auf sein Gesicht zaubert.

Während Pjotr so lächelt, als würde er die Bedeutung des Wortes „Arroganz“ kennen, wird Peters Körper bei der Anklageverlesung plötzlich von Weinkrämpfen geschüttelt. Der junge Mann birgt sein Gesicht in den Händen, die Schultern zucken wild, gurgelnde Laute sprudeln aus ihm heraus. Doch die Vorsitzende Richterin, die Peter viel näher sitzt, ist überraschenderweise von diesem eindrucksvollen Anfall wahrer Reue wenig angetan: „In Ihrem eigenen Interesse: Verkneifen Sie sich das Lachen!“ , weist sie Peter so streng wie erfolglos zurecht.

Peter gesteht alles, bis auf die Zuhälterei. Die junge Frau sei völlig freiwillig auf den Strich gegangen. Er und Pjotr hätten sie eher so unterstützend beraten. Und das Geld einkassiert. „Da haben wir sie ein bisschen verarscht“, sagt Peter und lacht.

Pjotr gesteht alles, bis auf die Zuhälterei. Dazu sagt er gar nichts. Es ist auch schwer etwas zu sagen, wenn man die ganze Zeit lachen muss. Als die Sprache noch einmal kurz auf die Pizza- und Remouladenverklappung im Jugendwohnheim zur Sprache kommt, droht zwar nicht der Prozess, aber immerhin Pjotr zu platzen. „Sie sind doch keine 14 mehr!“, behauptet die Richterin, die nicht will, dass der Prozess, der noch ein paar Tage dauern soll, zum Kindergeburtstag verkommt.

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