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Prozess in Frankfurt Im Bett mit Kinderpornos erwischt

Ein Angeklagter in einem Kinderporno-Prozess vor dem Frankfurter Amtsgericht soll Tausende Dateien gespeichert und etliche an Gleichgesinnte verschickt haben. Jetzt soll seine Schuldfähigkeit überprüft werden.

Gerichtszentrum Frankfurt
Das Gerichtszentrum Frankfurt. Foto: Peter Jülich

Der Angeklagte sagt kein Wort. Die Polizei hat ihn aus dem Bett seines Kinderzimmers geklaubt und vorgeführt, nachdem er am frühen Morgen seinen Prozess vor dem Amtsgericht nicht aus eigenem Antrieb besucht hatte. Die Jogginghose und das mit der Zeichentrickfigur Minion bedruckte T-Shirt bieten viel zu wenig Stoff, um die enorme Leibesfülle des 24-Jährigen auch nur ansatzweise zu bedecken. Er steht nicht auf, als das Gericht den Saal betritt, er reagiert auf keine Ansprache, sein vollbärtiges Gesicht verbirgt er hinter den Händen. „Was hier zum Ausdruck kommt, ist Scham“, sagt sein Verteidiger.

Jan B. hat reichlich Grund zur Scham. Die Anklage wirft ihm Verbreitung und Besitz von Kinderpornografie vor. Spätestens seit Anfang 2016 bis zum März 2017 hatte er über den Messengerdienst Telegram Hunderte von Kinderpornos an Gleichgesinnte verschickt. Auf seinem Tablet, seinem PC und seinem Handy fanden die Ermittler mehr als 3300 Bild- und mehr als 1500 Videodateien. Es sei sowohl von der Quantität als auch von der Qualität so extremes Material gewesen, wie sie es in ihren vielen Arbeitsjahren selten gesehen hätten, sagen Ermittler am Dienstag im Zeugenstand. Einer berichtet, der ansonsten wenig strukturiert wirkende Angeklagte habe auf seinem PC vier große Ordner angelegt, die mit den Ziffern Eins bis Vier benannt worden seien. Diese Ziffern, sagt der Ermittler, hätten für das Alter der missbrauchten Kinder gestanden – nicht in Jahren, sondern in Monaten.

Therapie in Eigenregie

Jan B. schweigt. Manchmal schluchzt er. Einmal hebt er den Kopf von der Tischplatte, zieht sich dafür aber das T-Shirt bis über beide Ohren und legt so seinen Bauch frei. Die Richterin gibt zu bedenken, dass schon erfreulichere Anblicke mit einem Ordnungsgeld belegt worden seien. Der Angeklagte scheint sie zumindest zu verstehen, er vergräbt das Gesicht wieder in den Händen und auf der Tischplatte.

In einer Verhandlungspause hat B. offenkundig ein paar Worte mit seinem Verteidiger gewechselt. Sein Mandant, sagt der, sei voll geständig und reumütig. Die Hausdurchsuchung im März 2017 sei für ihn „ein Schuss vor den Bug“ gewesen, seitdem habe er weder Kinderpornos angeguckt noch verbreitet. „Er versucht, diesen Teil seiner Sexualität in den Griff zu bekommen“, sagt der Verteidiger, aber erst einmal wolle er dabei auf professionellen Beistand verzichten und sich selbst therapieren.

Jan B.s Mutter, erinnert sich eine Polizistin, habe sie damals in einer ziemlich unaufgeräumten Bude empfangen, durch die das Odeur niemals geleerter Katzenklos gezogen sei. Ihr Sohn schlafe noch in seinem Kinderzimmer, habe die Mutter gesagt, und als die Beamten ihr erzählt hätten, sie hätten einen Durchsuchungsbefehl wegen Kinderpornografie, da habe die Mutter sich lauthals geschämt. Nicht wegen der Kinderpornos – sondern weil ihr Sohn mal wieder sein Zimmer nicht aufgeräumt habe. Die Polizei erwischte Jan B. im Bett. Das Handy, auf dem er gerade Kinderpornos guckte, versteckte er vergebens unter der Bettdecke.

Weder Freunde noch Hobbys

Erst am Nachmittag gelingt es dem Gericht, den Angeklagten ein wenig zu knacken. Jan B. macht tatsächlich ein paar Angaben zu seinem Lebenslauf. Es kommt nicht viel. Nach dem neunten Schuljahr, sagt B. mit seltsam hoher Stimme, habe er die Schule verlassen – er wisse aber nicht mehr, warum und ob es sich um eine Haupt- oder Sonderschule gehandelt habe. Er hat weder Freunde noch Hobbys noch eine Idee für seine Zukunft. Er lebt von Hartz IV, hofft aber darauf, demnächst für die Pflege seiner Mutter bezahlt zu werden. Mit 13 Jahren sei er auch schon mal in der Jugendpsychiatrie gewesen, sagt er – angeblich, weil er das Auto seiner Oma geklaut und zu Schrott gefahren habe.

Nach dieser Information beschließt das Gericht, den Prozess erst einmal auszusetzen. Ein psychiatrischer Sachverständiger soll versuchen herauszufinden, ob Jan B. überhaupt schuldfähig ist. Der verlässt den Gerichtssaal vorerst also als freier Mann, muss aber den Weg zurück zu Mutti alleine finden. Was er treiben will, wenn er dort ankommt, ist völlig unklar. Sein Computer, sein Tablet und sein Handy befinden sich weiterhin in Polizeibesitz.

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