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Prozess in Frankfurt Glaubensstreit endet fast tödlich

Ein Mordversuch im Flüchtlingsheim beschäftigt das Frankfurter Landgericht: Ein Schiit schlägt einen Sunnit mit einer Hantelstange.

Justiz in Frankfurt
Gerichtsbezirk in der Frankfurter Innenstadt. Foto: peter-juelich.com

Wenn es um das Alltägliche geht, sind sich Ali N. und Yassir B. weitgehend einig. Allah ist groß. Mohammed ist sein Prophet. Pakistan ist kein Land mit Bleibeperspektive. Deutschland schon. Die große Menschheitsfrage aber, über die sich die beiden entzweiten und die mutmaßlich in einen Mordversuch mündete, lautet: Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Am Morgen des 2. September 2016 zog Ali N. dem im Halbschlaf in seinem Bett liegenden Yassir B. eine Hantelstange von viereinhalb Kilo über den Schädel. Vermutlich das Kissen, auf das B. sein Haupt gebettet hatte, sowie N.s schmächtige Statur verhinderten Schlimmeres. B. erlitt nur eine stark blutende Platzwunde am Hinterkopf sowie eine Schädelprellung. Er hatte unerhörtes Glück.

N. ist geständig. Er sei Schiit, B. sei Sunnit. Das sei ja eigentlich auch kein Thema. Anfangs seien er und B., der wie er aus Pakistan geflohen war und mit dem er in der Unterkunft in Grävenwiesbach das Zimmer teilte, bestens klargekommen. Gemeinsam habe man das Fitnessgerät gekauft, dessen Hantelstange Tatwaffe wurde. Selbst das Geschirr habe man geteilt.

Doch dann habe B. aus heiterem Himmel angefangen, „Grundsätze meines Glaubens zu verletzen“ und dabei „sehr unmoralische Wörter zu benutzen“. So sei es etwa, erläutert der 33 Jahre alte Koch, im Islam Konsens, dass, wenn ein unreiner Hund von einem Teller gegessen habe, Muslime den Essensrest nicht mehr selbst verputzen dürfen. B. habe gesagt: Auch wenn ein Schiit vom Teller nasche, müsse der Teller erst wieder rein gemacht werden. Solcherlei Rede, sagt N, habe ihn generell erbost.

Zwist ums Milchtöpfchen

Speziell erbost habe ihn, dass am Vorabend der Tat Yassir B. ein Töpfchen, in dem er selbst Milch erwärmt habe, in eine andere Gemeinschaftsküche getragen und dort weggeschlotzt habe. Die ganze Nacht habe er vor Wut wachgelegen, und am Morgen B. die Stange übergezogen. Nicht, um ihn schwer zu verletzen oder gar zu töten. Sondern um ihn „zu erschrecken“ und ihm „eine Lehre zu erteilen“.

„Ich bin Sunnit, er ist Schiit“, sagt B., der auch als Nebenkläger auftritt, im Zeugenstand. Das sei ja eigentlich auch kein Thema, und anfangs sei ja auch alles eitel Freude gewesen, „wir haben sogar immer gegenseitig unser Geschirr benutzt, nie hat es Ärger gegeben“. Aber „jeder Mensch hat seinen eigenen Glauben, und jeder besteht auf seinem Glauben“, behauptet der 31 Jahre alte Küchenhelfer, und irgendwann habe B. aus heiterem Himmel angefangen, seinen Glauben zu schmähen, habe „unangenehme Wörter geäußert“, die „grob und inakzeptabel“ gewesen seien. Immer öfter habe man sich gestritten.

Die Sache mit dem Milchtöpfchen aber sei so gewesen: Er habe sich am Vorabend der Tat Milch erwärmen wollen und daher eigene Milch in ein Töpfchen geschüttet, in dem bereits N.s Milch warm wurde. Später hätte er die Milch ja wieder getrennt, und früher habe man ja auch gemeinsam das Essgeschirr und so weiter und so fort.

Am Landgericht macht sich eine gewisse Ermüdung breit, ein echtes Motiv ist keinem der beiden zu entlocken, stattdessen kreisen sie um nicht näher definierte grobe Worte beim theologischen Disput und gemeinsame sowie getrennte Tellernutzungsrechte. Der Dolmetscher der beiden nennt das etwas hilflos immer wieder „religiösische Motive“ und trifft den Nagel damit irgendwie auf den Kopf.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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