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Prozess in Frankfurt Der Doktor als Dealer

Eine Frau geht von Arzt zu Arzt und lässt sich morphinhaltige Tabletten verschreiben, um ihre Sucht und die anderer zu befriedigen. Ein Prozess in Frankfurt wirft ein Licht auf fragwürdige Verschreibungspraktiken.

Landgericht Frankfurt
Vor dem Landgericht in Frankfurt muss sich eine 29-jährige Dealerin verantworten. Foto: Peter Jülich

Die 29 Jahre alte Sabine B. steht als Dealerin vor dem Landgericht. Dafür muss man es in der Regel ganz schön bunt getrieben haben. Im Falle von Sabine B. kann man sich aber nicht nur fragen, ob sie vor dem richtigen Gericht steht. Man kann auch die Frage stellen, ob hier überhaupt die Richtige auf der Anklagebank sitzt. Oder wie Sabine B. es formuliert: „Ich bin keine Dealerin! Die Ärzte sind die Dealer!“

Von August 2013 bis Juli 2015 zog Sabine B. bei Dutzenden von Ärzten im Rhein-Main-Gebiet dieselbe Nummer ab. Mit der Behauptung, sie habe eine Lendenwirbelfraktur, und ihr Hausarzt sei im Urlaub, ergaunerte sie sich in 220 Fällen Vorratspackungen morphinhaltiger Tabletten. Das gibt Sabine B. auch zu. Doch den Verkauf der Tabletten, der ihr zur Last gelegt wird, leugnet sie: Sie habe es bloß getan, „um meine Sucht zu decken“.

Seit sie 15 sei, sagt die junge Frau, sei sie abhängig von starken Schmerzmitteln – die sie erst aus dem Medikamentenschrank ihrer kranken Mutter geklaut habe. Als Erwachsene habe sie schnell gemerkt, wie einfach diese Sucht zu befriedigen sei. „Das ist der Wahnsinn, was Ärzte für Betäubungsmittel verschreiben, auch wenn man gar nichts hat.“

Die wenigsten Ärzte, die sie aufgesucht habe, hätten sich überhaupt die Mühe gemacht, sie zu untersuchen. Zumeist habe es genügt, der Sprechstundenhilfe den Namen des gewünschten Medikaments zu nennen, mitunter habe man dies auch schon vorher telefonisch absprechen können. „Es ist so einfach“, sagt B. und staunt noch heute.

Dass sie überhaupt als Dealerin vor Gericht steht, verdankt sie einer Mitarbeiterin der gesetzlichen Krankenkasse, bei der B. nach wie vor versichert ist. Die hatte nachgerechnet, dass B., falls sie alle Pillen selbst geschluckt habe, mehr als ein Dutzend täglich genommen haben müsse. Das sei kaum möglich, glaubte die Frau, bestenfalls sterbe man bei einem solchen Verschleiß an Verstopfung. Tue man nicht, sagt Sabine B. – die dealenden Ärzte seien ja keine Laien, sondern verschrieben nebenbei auch noch Pillen gegen Verstopfung.

Die Mitarbeiterin der Krankenkasse kennt das Problem. Nicht selten handelten Ärzte zumindest „grob fahrlässig“ bei der Verschreibung von Opiaten, sie kenne „viele solcher Fälle aus eigener Erfahrung“. Im Falle von Sabine B. habe es schon lange den Verdacht auf Medikamentenmissbrauch gegeben. Doch der gesetzlichen Krankenversicherung seien in einem solchen Fall die Hände gebunden. Aufgrund eines Verdachts könne niemand aus der Krankenkasse geschmissen werden, sie sei in solchen Fällen auf die Mithilfe der behandelnden Ärzte angewiesen. Die habe sie auch im Fall Sabine B. gesucht, sei aber „mit meinen Anfragen auf Unwollen gestoßen“ – was aber keinesfalls eine neue Erfahrung gewesen sei.

Der medizinische Sachverständige kommt zu dem Ergebnis, dass B. die enorme Tablettenanzahl tatsächlich selbst geschluckt haben könnte – Erfahrung und Gewöhnung machten auch hier den Meister.

Auch der Vorsitzende Richter kennt das fragwürdige Verschreibeverhalten vieler Ärzte aus „einigen Verfahren“. Bei Ärzten, „die in einem gewissen Ruf stehen“, seien die Wartezimmer voll mit Junkies, die sich dort gratis mit Stoff versorgten. Ein Arzt sitzt aber nicht auf der Anklagebank. Dafür Sabine B.

Die junge Frau ist nach eigenen Angaben mittlerweile runter von den Opiaten, sie wird derzeit mit Methadon substituiert, will aber – unabhängig vom Ausgang des Prozesses, für den noch mehrere Verhandlungstage terminiert sind – eine Therapie beginnen. Sowohl die Kammer als auch die Staatsanwaltschaft geben bereits am ersten Prozesstag durch die Blume zu verstehen, dass sie nicht unbedingt am Vorwurf des Handels festhalten wollen. Übrig bliebe dann der Vorwurf des Betrugs.

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