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Prozess in Frankfurt Alte Menschen misshandelt und ausgeraubt

Eine Handelsvertreterbande soll ihre Arbeit als Basis für Betrügereien und einen Raub genutzt haben. Zwei der Männer müssen sich jetzt vor dem Landgericht Frankfurt verantworten.

Gerichtszentrum Frankfurt
Das Gerichtszentrum Frankfurt. Foto: Peter Jülich

Marco L. (31) und Farhad M. (28) stehen wegen Betruges und schweren Raubes vor dem Landgericht. Sie leugnen, Räuber zu sein, und zumindest tragen die beiden keine Räuberbärte, sondern sehen so aus, als seien sie soeben dem Cover des imaginären Hipster-Magazins „Ich & mein Bart“ entsprungen.

Folgendes wird ihnen vorgeworfen: Gemeinsam mit dem bereits zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilten Florian D. (37) sollen sie im April 2015 in Schwalbach einem 85 Jahre alten Mann vorgegaukelt haben, sie seien Polizisten, die ihn der Geldwäsche verdächtigten, ihm einen selbstgebastelten Durchsuchungsbefehl gezeigt und sich Bankauszüge, Bargeldbestände und EC-Karten nebst Pin-Nummern präsentieren lassen. Hinterher war der 85-Jährige um zwei EC-Karten und blitzschnell abgehobene 4000 Euro ärmer.

Noch schlimmer erwischte es knapp zwei Wochen später einen 80 Jahre alten dementen Mann aus Bad Homburg. Den suchten zwei Männer heim – laut Staatsanwaltschaft Marco L. und Florian D., Farhad M. soll im Auto gewartet haben – und gaben sich als Mitarbeiter des lokalen Energieversorgers aus, die die Leitungen überprüfen müssten. Es spricht nicht für den Leumund des Energieversorgers, dass der Mann das immer noch glaubte, nachdem die beiden ihn mit Kabelbindern an die Duscharmatur gefesselt hatten. Es dauerte einen ganzen Tag, bis der Mann sich befreien und sich mit geschwollenen Händen und blutigen Handgelenken zu den Nachbarn retten konnte. Beute: 100 Euro und ein paar Münzen von lediglich numismatischem Wert.

Dass L. und M. vor dem Kadi sitzen, verdanken sie ihrem Kollegen D., der sich schon bei Antritt seiner langen Haftstrafe in Butzbach vom Galgen- zum Singvogel gemausert und beide verpfiffen hatte. Dass die drei Kollegen waren, ist amtlich: Alle arbeiteten als Klinkenputzer und Prospektverteiler bar jeglichen Fachwissens für ein Unternehmen, das Türen, Fenster und Rollläden an Hausbesitzer verkauft. 600 Euro Monatspauschale, 400 Euro Provision pro Neukunde. 

Das klingt unseriös genug, war laut D. aber der ehrliche Teil der Arbeit. Im Grunde habe man den Job dafür genutzt, Opfer für die Arbeit nach Feierabend auszubaldowern. Am liebsten alte Menschen, gerne etwas verwirrt, denen man selbstgedruckte Durchsuchungsbefehle und alte Personal- als Polizeiausweise präsentieren könne. 

Das Geschäft habe gebrummt, „es hat sich immer weiter gesteigert“. Es sei nicht zu fassen, „wie leicht manche Leute sich verarschen lassen“, wundert sich D. noch heute. Erfolg macht erfinderisch: D. erinnert sich an eine Frau, die enttäuscht gewesen sei, als er sich als Handlungsreisender vorgestellt habe – sie habe eigentlich auf einen Gärtner gewartet. Einen Anruf und ein paar Minuten später klingelten laut D. dann L. und M. an der Haustür der Frau, stellten sich als Gärtner vor und mähten Rasen und Konto.

L. und M. leugnen alles außer der Klinkenputzerei, aber D. macht im Zeugenstand tabula rasa, dass es eine Art hat. Knapp zehn Jahre kassiert man nicht für Kleinigkeiten: D. ist nicht nur für rund 2000 Betrügereien, sondern auch für Raubüberfälle auf eine Spielothek und eine Tankstelle verurteilt worden. 

Auch bei diesen Raubüberfällen, sagt D. nun vor Gericht, seien die beiden mit von der Partie gewesen. Das habe er auch schon der Polizei erzählt, überall, wo er vernommen worden sei, und die Zahl der Wachen sei Legion, denn das Einzugsgebiet der Vertreterbande eines Wiesbadener Unternehmens habe sich von Köln bis Darmstadt, vom Rhein bis zur Wetterau erstreckt. Aber niemanden habe das bislang so recht interessiert.

Die Zeiten sind vorbei, die Große Strafkammer unter dem Vorsitz von Volker Kaiser-Klan zeigt reges Interesse. Die Verhandlung wird fortgesetzt.

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