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Prozess gegen Raser Tiger und Testosteron im Tank

Was ist ein Autorennen? Ein Prozess vor dem Amtsgericht zeigt, wie schwer die Definition ist.

Alle beteuern, sie seien gefahren wie immer (Symbolbild). Foto: Imago

Am 4. Mai 2018 lassen Tayfun T. und Soufiano B. ihre Karren mal so richtig rollen– der 26 Jahre alte T. seinen eigenen BMW (286 PS), der 28 Jahre alte B. im geliehenen Mercedes (673 PS). Kurz vor Mitternacht fahren sie durch die Innenstadt, und man muss ihnen lassen, dass sie zumindest an roten Ampeln halten, dort aber ordentlich den Motor aufheulen lassen. Zeigt die Ampel auf Grün, beschleunigen sie ratzfatz auf bis zu 100 Sachen, sie driften, drängeln, hupen, gestikulieren, sie haben Spaß.

Als sie an der Kurt-Schumacher-Straße mal wieder Rot haben, beschließt die dreiköpfige Besatzung eines Streifenwagens, bei dem Spaß mal mitzutun. Doch trotz seiner 313 PS ist das Polizeiauto chancenlos – sein Fahrer möchte offenbar keine Menschenleben gefährden und ist daher gegenüber B. und T. aus sportlicher Sicht gesehen im Nachteil. Immerhin schießen die Polizisten nicht bloß ein Zielfoto, sondern gleich ein ganzes Video, das beweist, dass der eigentlich untermotorisierte Tayfun T. das Rennen knapp gewinnt. Die Polizei, immerhin noch auf dem Podium, gratuliert den Gewinnern vor Ort und kassiert deren Führerscheine und Autos ein.

Die Polizei nennt sowas illegales Autorennen. Die Staatsanwaltschaft auch.

„Wenn man das so hört, klingt es schlimmer, als es war“, sagt Tayfun T. Sie seien keinesfalls ein Rennen gefahren, sie hätten halt nur schnell nach Hause ins Frankfurter Umland gewollt und vorher noch kurz bei McDonald’s vorbei, man sei halt auch guter Laune gewesen, weil Soufiano B. an jenem Tage geheiratet habe. Vielleicht hätten sie „unbewusst beschleunigt“ und dabei aus Versehen ein bisserl am Tempolimit gekratzt – „da ist glaube ich 60 erlaubt“ schätzt T. und vertut sich dabei lediglich um zehn Kilometer pro Stunde.

Aber ein Rennen? „Der Kollege hat mehr als 300 PS wie mein Auto“, jammert T., der das Rennen ja eigentlich gewonnen hat. Obwohl es ja gar kein Rennen war, sondern „eher so’n Poser-Ding, aber ohne schlechten Schaden anzurichten“. Schlechter Schaden sei bloß ihm entstanden, denn seit dem Tag ist sein Lappen weg und sein Auto auch: „Das ist so wie wenn mir die Beine weggeschnitten würden“.

„Ich wollte doch nur schnell nach Hause“, sagt Soufiano B. Vorher aber noch kurz bei McDonald’s vorbei. Denn daheim in Bad Vilbel habe ja die Braut auf ihren Bräutigam gewartet. Der freilich erst mal ein Rendezvous mit Mercedes hatte, denn so eine Ehefrau hat man ja oft ein ganzen Leben, aber ein geliehener CLS 63 AMG, der kann am nächsten Tag schon wieder weg sein. War er dann ja auch.

„Testosteron lag in der Luft“, erinnert sich einer der Polizisten im Zeugenstand. Und Testosteron liegt auch im Gerichtssaal, denn die Angeklagten haben ihre Kumpels und Beifahrer mitgebracht, teils als Claqueure, teils als Entlastungszeugen. Alle tragen Undercut-Frisur, die meisten haben Mechatroniker-Hintergrund. „Zu schnell ist ein dehnbarer Begriff“, philosophiert einer von ihnen im Zeugenstand. „Es war vielleicht zu schnell, aber nicht gefährlich aus meiner Sicht.“ „Wir sind normal gefahren wie Menschen“, erinnert sich einer. „Ich war nur der DJ, ich hab’ die ganze Zeit Musik gewechselt“ ein anderer. Alle beteuern, sie seien gefahren wie immer, was vermutlich wahr ist, und dass das ja wohl noch erlaubt sein müsse, was mit Sicherheit falsch ist.

Die Staatsanwaltschaft hat „keinen Zweifel, dass ein Renen stattfand“ – dazu bedürfe es keiner expliziten Verabredung und keiner Zielflaggen. Daher greife der neue Paragraf 315d des Strafgesetzbuches, der für solche Autorennen eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren vorsieht – auch wenn hier ein minderschwerer Fall vorliege. Die Jungs seien „ein bisschen zu schnell gefahren“, sagt ihr Verteidiger, und daher freizusprechen sowie möglichst bald wieder mit ihrer Führerscheinen zu beglücken, die sie schmerzlich vermissten.

Das Amtsgericht will das Urteil am 25. Januar verkünden – und prüfen, ob nicht doch bloß eine Ordnungswidrigkeit vorliegt.

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