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Mordfall Susanna „Bei deutschen Tätern ist das Interesse geringer“

Silvia Zenzen vom Bundesverband Frauen gegen Gewalt spricht über die Ursachen von Vergewaltigung und Femizid, die Herkunft der Täter und die blinden Flecken in der öffentlichen Debatte.

Amnesty International
„Patriarchalische Machtverhältnisse haben wir weltweit.“ Eine Installation als Protest gegen Gewalt gegen Frauen im spanischen Gijon. Foto: rtr

Frau Zenzen, der mutmaßliche Mord an Susanna F. beschäftigt Medien und Politik. Wenn Sie diesen Fall mit anderen Gewaltverbrechen gegen Frauen vergleichen, gibt es etwas, das sie als „typisch“ bezeichnen würden?
Das ist schwierig zu sagen. Es gibt bei Gewaltverbrechen keinen „typischen“ Ablauf. Was wir oft sehen und was wir auch aus der Forschung wissen, ist das bei solchen Verbrechen der Täter dem Opfer in der Regel bekannt ist.Täter und Opfer kennen sich häufig vorher, wie auch in diesem Fall. 

In der Diskussion scheint aber immer noch das Bild von der einsamen Frau, die nachts im Park von einem Fremden überfallen wird, zu überwiegen ...
Das ist eher die Ausnahme. Aber das sind natürlich die Fälle, die eher in die Presse kommen. Bei Sexualdelikten haben sich Täter und Opfer in 80 Prozent der Fälle vorher gekannt. Und statistisch gesehen, ist die eigene Wohnung ein gefährlicherer Ort als der öffentliche Park. 

Im Moment wird vor allem über die Herkunft der mutmaßlichen Täter debattiert. Ist das eine Kategorie, die Ihrer Erfahrung nach eine Rolle bei solchen Gewalttaten spielt?
Nein, überhaupt nicht. Deshalb wundert es uns auch, dass Fälle, in denen der Täter Geflüchteter oder allgemein nicht deutscher Herkunft ist, eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Die Frauen, die zu uns in die Beratungsstellen kommen, die Zahlen, die wir haben, spiegeln das nicht wider. Auf der anderen Seite wundert es uns auch nicht. Es gibt eben rassistische Ressentiments in der Gesellschaft. 

Aber ist es nicht so, dass bestimmte kulturelle Vorprägungen und Normen Gewalt gegen Frauen begünstigen? Und dass diese in bestimmten Kulturkreisen – aus denen auch viele Flüchtlinge stammen – verbreiteter sind?
Unsere Beratungsstellen gibt es seit 40 Jahren. Und das Thema war schon virulent, bevor so viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Das ist doch nicht durch andere Kulturen zu uns gebracht worden. Ich glaube nicht, dass wir es hier mit einem kulturellen Problem zu tun haben. Es geht hier um Machtverhältnisse. Es geht darum, wie Macht in der Gesellschaft verteilt ist. Patriarchalische Machtverhältnisse haben wir weltweit. 

Sie berufen sich vor allem auf Ihre Erfahrungen aus den Beratungsstellen. Aber kann es nicht sein, dass insbesondere viele Gewaltopfer mit Migrationshintergrund bei Ihnen gar nicht aufschlagen? Dass sie da vielleicht einen blinden Fleck haben?
Nein, auch dazu gibt es Studien, die belegen, dass Gewalt gegen Frauen in allen Schichten und allen Herkunftsgruppen vorkommt. Und Migrantinnen machen einen relevanten Anteil der Frauen aus, die zu uns kommen. Und was blinde Flecken angeht: Was viele nicht beachten ist, dass, wenn der Gewalttäter nicht deutscher Herkunft ist, die Anzeigebereitschaft der Opfer steigt. Das zeigt sich dann auch in der Kriminalstatistik.

Gewalttaten, insbesondere sexualisierte Gewalttaten, gehören zu jenen Deliktfeldern mit einer immens hohen Dunkelziffer. Die polizeiliche Kriminalstatistik weist im langfristigen Trend aber eine abnehmende Zahl von Anzeigen aus. Können Sie einschätzen, ob Gewalttaten gegen Frauen eher zu- oder abnehmen?
2014 gab es eine europaweite Dunkelfeldstudie, die nahelegt, dass die Zahlen stagnieren. Was sich aber feststellen lässt, ist, dass es seit der Sexualstrafrechtsreform 2016 einen Anstieg bei den Anzeigen gibt. Es gibt eine öffentliche Debatte über das Thema. Das bestärkt Betroffene darin Anzeige zu erstatten.

Welche Fehler machen wir als Medien in dieser Debatte Ihrer Meinung nach?
Ich hatte ja schon gesagt, dass es auffällt, dass das Medieninteresse vor allem dann stark ist, wenn der Täter nicht deutscher Herkunft ist. Bei deutschen Tätern ist das Interesse deutlich geringer. Das beobachten wir natürlich verstärkt nach den Übergriffen in Köln zu Neujahr 2016. Das Problem gab es natürlich schon früher, aber es hat selten interessiert. Es sei denn bei ganz besonders brutalen Fällen. Und dann ist auch häufig von „Sex-Verbrechen“ die Rede. Da würden wir uns eine sensiblere Wortwahl wünschen. Bei solchen Taten geht es um Macht. Es ist kein Sex, der da passiert, sondern Gewalt.

Interview: Danijel Majic

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Mordfall Susanna

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