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Mordfall in Babenhausen Doppel-Mord soll neu aufgerollt werden

2010 wurde ein Mann wegen eines Doppel-Mords in Babenhausen zu lebenslanger Haft verurteilt. Sein Rechtsanwalt will den Fall erneut vor Gericht bringen. Der Jurist will neue Beweise und Gutachten vorlegen.

Doppelmord von Babenhausen
Gerhard Strate und Anja Darsow arbeiteten jahrelang an dem Wiederaufnahmeantrag. Foto: Verein Monte Christo

Auf den heutigen Tag hat Anja Darsow viele Jahre hingearbeitet. Am 11. Mai 2010 wurde ihr Ehemann Andreas verhaftet und sitzt seitdem in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Verurteilt vom Landgericht Darmstadt zu lebenslanger Haftstrafe wegen Doppelmordes an seinen Nachbarn, dem Ehepaar T., in Babenhausen (Kreis Darmstadt-Dieburg). Doch Anja Darsow und der Unterstützerverein Monte Christo sind davon überzeugt, dass Andreas Darsow unschuldig ist und kämpfen seit Jahren für die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Am heutigen Freitag, 11. Mai, will der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate am Landgericht Darmstadt den Antrag dafür einreichen. Mit neuen Beweisen und unter Vorlage mehrerer Gutachten will der Spezialist für Wiederaufnahmeverfahren erreichen, dass der Fall neu aufgerollt wird. Sein Hauptargument: Der Schalldämpfer, den Andreas Darsow aus einer Pet-Flasche und Bauschaum gebaut haben soll, um ihn an der bislang nicht gefundenen Tatwaffe, einer Walter P38, zu befestigen, habe technisch gar nicht funktionieren können. Das hätten zwei unabhängige Gutachten ergeben, sagte Strate der Frankfurter Rundschau. Einerseits hätte aufgrund der Schallgeschwindigkeit der Munition dennoch ein hörbares Schussgeräusch entstehen müssen, zudem hätten größere Mengen von Schaumstoff und auch von der Pet-Flasche gefunden werden müssen. „Man muss massive Gründe bringen, die ein Urteil ausheben“, sagte Strate. „Das wird uns gelingen.“ Auch Ehefrau Anja zeigte sich zuversichtlich: „Ich hoffe auf die Chance, dass alle Fakten noch einmal auf den Tisch kommen und mein Mann freigesprochen wird.“

Doch ob es tatsächlich dazu kommt, ist fraglich. Zunächst wird der Antrag zu dem für die Prüfung zuständigen Landgericht Kassel weitergeleitet werden, wie Richter Jan Helmrich vom Landgericht Darmstadt auf Anfrage mitteilte. Ob ein Antrag zulässig sei, richte sich nach formalen Kriterien. Danach sei zu entscheiden, ob es einen Wiederaufnahmegrund gebe. Dies sei etwa der Fall, wenn eine Falschaussage gemacht oder eine Urkunde gefälscht worden sei. Auch neue Tatsachen oder Beweise können einen Freispruch oder eine Milderung bewirken. „Das ist vom Einzelfall abhängig“, so Helmrich.

Wichtig sei: Die Beweislast kehre sich um. Im neuen Verfahren würden alle Fakten erneut geprüft, allerdings müsse diesmal der Verurteilte darlegen, dass er unschuldig sei. Eine Frist für die Entscheidung über die Zulassung gibt es nicht.

Wiederaufnahmeanträge sind selten. Wie häufig sie in Darmstadt gestellt werden, darüber gibt es laut Helmrich keine Statistik. Der einzige Fall, der ihm bekannt sei, sei der des Lehrers Horst Arnold, der fünf Jahre wegen einer Vergewaltigung, die er nicht begangen hatte, im Gefängnis saß. 2011 – Jahre danach – wurde er freigesprochen.

Dass der Fall Darsow kein Einzelfall ist, will der inzwischen 50 Mitglieder zählende Verein Monte Christo gemerkt haben: Die bekannten Fälle wie Harry Wörz, Ulfi Kulac, Gustl Mollath, Rupp oder Arnold seien „nur die Spitze des Eisbergs“, teilte Vorsitzender Josef Seidl mit. Seit Vereinsgründung 2011 hätten sich 20 bis 30 Hilfesuchende an sie gewandt. „Fragwürdige Ermittlung, Verfahren und Urteile die entlastende Momente nicht berücksichtigen, haben uns gezeigt, dass der Rechtsgrundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ in Deutschland allzu oft keine Beachtung findet“, so Seidl.

Das Urteil gegen Darsow „hat mir nicht gefallen“, sagte Strate. Dass entlastende Fakten nicht berücksichtigt wurden, sei „unerklärlich“. Deswegen habe er 2013 das Mandat übernommen.

Dabei ist Strate nicht der einzige Außenstehende, der die Richtigkeit des Urteils anzweifelt. Das vom Gericht angenommene Tatmotiv der Ruhestörung durch die Opfer etwa hatte angeblich bereits 2013 der hinzugezogene Kriminalbiologe Mark Benecke in einem Geräuschtest vor Ort widerlegt.

Anja Darsow, die mit den drei gemeinsamen Kindern in dem Reihenhaus weiterlebt, neben dem die Bluttat begangen worden ist, ist sicher: Der wahre Mörder läuft noch irgendwo draußen herum. Sie könne nicht verstehen, warum niemals in andere Richtungen ermittelt worden sei. „Ich möchte keinen Mörder aus dem Gefängnis holen“, sagte die 41-Jährige. „Aber sie müssen es mir beweisen und ein ordentliches Motiv geben.“

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