Lade Inhalte...

Mord an Susanna Einfache Schlussfolgerungen greifen zu kurz

Nach dem Mord an der 14-jährigen Susanna reagieren rechte Populisten mit erwartbaren Vorurteilen. Fragen und Antworten zur Kriminalität unter Geflüchteten.

Ermittlungen im Fall Susanna
Polizisten sichern die Zufahrt zu einem Bereich, in dem am Vortag eine weibliche Leiche gefunden worden war. Foto: dpa

Kaum hatten die ersten Medien darüber berichtet, dass die 14-jährige Susanna F. tot ist und es sich bei einem der Verdächtigen um einen mittlerweile geflüchteten Asylbewerber aus dem Irak handelt, griff das islamfeindliche Netzwerk „PI News“ das Thema auf. Es folgten die erwartbaren Reaktionen. In den mehr als 600 Kommentaren wird massiv gegen Flüchtlinge gehetzt. Auch in anderen sozialen Netzwerken gleitet die Diskussion zumindest ins Populistische ab. Immer wieder taucht die Mutmaßung auf, ein großer Teil der in den vergangenen Jahren eingereisten Flüchtlinge sei kriminell. Zahlen werden in den wenigsten Kommentaren genannt. Dabei gibt es zur Kriminalität unter Zugewanderten mittlerweile umfangreiche Statistiken und Studien.

Begehen Flüchtlinge überdurchschnittlich viele Straftaten?
Fakt ist, dass die Zahl der Tatverdächtigen unter Geflüchteten vergleichsweise hoch ist. Zugewanderte (darunter versteht das Bundeskriminalamt alle Asylsuchenden, geduldete und illegal in Deutschland lebende Menschen) machen rund zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus. Unter den 1,97 Millionen Menschen, die im Jahr 2017 einer Straftat verdächtigt wurden, lag der Anteil der Flüchtlinge aber bei 8,5 Prozent.

Wie viele Straftaten wurden insgesamt von Flüchtlingen begangen?
Die Zahl der angezeigten Delikte, bei denen mindestens ein Verdächtiger zur Gruppe der Zugewanderten zählte, lag im vergangenen Jahr bei knapp 290.000. Das heißt, in 9,3 Prozent aller Fälle wird gegen mindestens einen Flüchtling ermittelt. Auch diese Zahl spricht für eine erhöhte Kriminalitätsrate unter Zugewanderten. Aber: Im Jahr 2016 gab es mehr als 293.000 Taten, bei denen Flüchtlinge zu den Verdächtigen zählten, obwohl seinerzeit weniger Geflüchtete in Deutschland lebten als 2017. Die Zahl der Delikte, die mutmaßlich von Geflüchteten begangenen wurden, ist also leicht rückläufig.

Lässt sich die Statistik nach Deliktsgruppen aufschlüsseln?
Deutlich zugenommen hat die Zahl der Rauschgiftdelikte, bei denen Flüchtlinge verdächtigt sind. 8,7 Prozent der mutmaßlichen Täter sind Zuwanderer – 1,5 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2016. Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung liegt der Anteil der zugewanderten Tatverdächtigen bei 12,2 Prozent. Bei Delikten gegen das Leben wie Mord und Totschlag beträgt diese Quote 14,3 Prozent.

Wer sind die Opfer?
Unter den 95 148 Opfern von Straftaten mit tatverdächtigen Zuwanderern befanden sich im vergangenen Jahr 41 Prozent Deutsche. Im Bereich der Tötungsdelikte fielen 112 Deutsche einer Straftat zum Opfer, an der mindestens ein tatverdächtiger Zuwanderer beteiligt war. Ein Drittel der Opfer von Taten, die mutmaßlich von Zuwanderern begangen wurde, waren selbst Flüchtlinge. Auffällig: Bei den Tötungsdelikten waren 230 Opfer selbst Asylbewerber. 

Was ist also falsch an der Aussage, dass Flüchtlinge krimineller als Deutsche sind?
Sie greift viel zu kurz. Vergleicht man die Kriminalitätsbelastung unter Flüchtlingen und in der Gesamtbevölkerung, dann vergleicht man zwei Gruppen, die sich ganz unterschiedlich zusammensetzen. Zur Gesamtbevölkerung gehören etwa zunehmend Menschen, die älter sind als 70 Jahre. Gerade bei Gewalt- und Sexualdelikten tauchen sie so gut wie nie als Tatverdächtige auf, zumal die Hälfte Frauen sind. Die Delikte werden beherrscht von Männern im Alter zwischen 16 und 30 Jahren. Eben jene Gruppe ist bei den Geflüchteten deutlich überrepräsentiert.

Gibt es Unterschiede beim Anzeigeverhalten?
Allgemein werden Straftaten von Ausländern häufiger angezeigt, haben die Kriminologen Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem herausgefunden. Das gilt vor allem für Vergewaltigung. In einem Gespräch mit der „Deutschen Welle“ sagte Pfeiffer, die Anzeigequote liege bei 44 Prozent, wenn der Tatverdächtige Ausländer ist. Bei Deutschen reduziere sich diese Quote auf 18 Prozent.

Was haben die Lebensbedingungen von Geflüchteten mit der Kriminalitätsbelastung zu tun?
Sämtliche kriminologische Forschungen belegen, dass die Anfälligkeit für Straftaten in prekären Lebenssituation und Wohnverhältnissen, wie sie sich etwa in Flüchtlingsunterkünften finden, besonders groß ist. Wo viele Menschen (gerade junge Männer) auf engem Raum zusammenleben, kommt es immer wieder zu Übergriffen. Kriminologen raten deshalb zu einer möglichst schnellen Integration. Dadurch werde die Zahl der Straftaten zurückgehen.

Zusammengestellt von Georg Leppert

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Mordfall Susanna

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen